Ganz

Bad Gastein, 02-2019, Foto: Alexa Schober
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Ich kenne dich.
Und du kennst mich auch.
Wir wollen alle auf eine gewisse Art erkannt, gesehen werden. Von einigen wenigen Menschen etwas mehr und tiefer, als von all den anderen rundherum. Wir brauchen einen Menschen, der auch unsere weniger geschätzten Seiten kennt. Die Unzulänglichkeiten und Eigenarten, all das, was wir vielleicht nicht sofort verstehen oder können. Jemand der weiß, wie wir mit verquollenem Gesicht aussehen. Und wenn wir uns vor Angst oder Scham verkriechen wollen. Der uns sieht, wenn alles den Bach runter zu laufen scheint. Und der dennoch bleibt. Jemanden, der trotz allem oder gerade deswegen JA sagt.
Das bist DU.
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Du bist mein Mensch. Und ich bin auch deiner. Du fährst uns nach Hause am Ende einer langen Nacht. Am Fenster ziehen Häuser vorbei, aneinander gefädelt wie an einer glänzenden Kette fremder Geschichten, die ich alle nicht kenne.
Dich aber kenne ich.
Niemals ganz und das ist auch gut so, dennoch etwas mehr und tiefer als die anderen.
Es ist beruhigend, dass du jetzt hier bist. So nah, dass ich dich jederzeit anfassen kann. Mich anhand der Wärme deiner Haut rückversichern, dass das alles echt ist.
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Ich bin wohl kurz eingenickt, denn du sagst mir, wie sehr du es magst, mir beim Schlafen zuzusehen.
Ja, neben dir kann ich schlafen, hier fühl ich mich sicher. Dir bin ich nie zu viel dies oder zu wenig das und immer schon gut genug. Jede noch so große Kleinigkeit an mir siehst du als Einzigartigkeit meines Wesens. Neben dir darf ich sein, wer ich bin und das ist so unendlich weit, so wertvoll und warm.
Die Vorstellung, es könnte gerade anders sein und ich zöge alleine durch diese Nacht, verebbt ebenso schnell, wie sie aufkam. Und schon spielt das Radio ein Lied, das mich lächelnd daran erinnert, dass das Leben ein DJ ist, mit all den Platten, die man im Laufe seines Lebens fortwährend anhäuft.
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Weißt du was?
Keinen anderen Platz in diesem unendlichen Universum möchte ich in dieser Sekunde einnehmen. Nirgendwo anders als hier mit dir. In diesem Auto. Dessen Radio uns den perfekten Song ins Ohr legt, möchte ich sein.
Ich atme ein, du atmest aus.
Mein Herz schlägt with many, many beats per minute.
Mit dir, auf dem Weg nach Hause
zu uns.
Wo auch immer das ist.
Mit dir ist es ganz.
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LetMeLikeYouAlot

Foto: Alexa Schober, Salzburg.
Seit einiger Zeit nutze ich wieder vermehrt die sogenannten „sozialen Medien“ und ich komme nicht um die Tatsache, dass sich meine Sicht darauf und die Einstellung dazu kaum verändert haben in den vergangenen Jahren.
Ja, die zugehörigen Technologien verändern sich ständig, alles wird noch kleiner, noch effizienter oder „smarter“, wir tragen alle kleine Mini-Universen in unseren Handtaschen oder am Armgelenk und dadurch scheinbar immer weniger Vernetzungen im Gehirn, sind jederzeit und überall erreichbar, immer am neuesten Stand der ach so wichtigen Neuigkeiten, die von anderer Stelle aufdiktiert werden, aber immer weniger Menschen heben auch mal den Kopf, um das wirklich zu sehen, was sie gerade vor der Nase haben.
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Soziale Medien haben das Potenzial, uns unendlich viele Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen vorzustellen. Sie zeigen, was da draußen noch so alles ist, egal ob fake oder echt. Sie bilden ab. Sie bedienen sich unserer Aufmerksamkeit. Sie wollen unsere Klicks, Likes, Dislikes. Sie wollen vernetzen, sie kombinieren Daten und vor allem: Sie machen einige wenige Firmen mit all dem reich. Doch in all der Zeit, in der wir wischend, likend und abgehakt schreibend mit der digitalen Welt verbunden sind, verpassen wir das echte Leben rundherum. Wir starren in kleine Fünfeinhalbzöller und sind vor Ort und vor uns  selbst so abwesend, wie man es nur sein kann. So unkreativ, weil da einfach kein Platz ist im Kopf für eigene Ideen, wenn dieser unentwegt mit den bunten, blinkenden Bildern der digitalen Welt passiv gefüttert wird.
Nichts daran ist meiner Meinung nach sozial oder auch nur ansatzweise hilfreich im Entstehen echter zwischenmenschlicher Interaktion.
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Diese Gesellschaft heute ist fahrig geworden, sie wirkt so unruhig und abwesend auf mich. Gesenkte Blicke, wohin ich auch sehe. Dieses sehnsüchtige Starren aufs Handy alle 2 Minuten – es könnte schon wieder irgend eine neue Benachrichtigung eingetroffen sein. Wartende, Reisende sowie auch nur geradeaus Gehende – es scheint, als würde die ganze Menschheit nur mehr abtauchen wollen in diese Welt der Dauerberieselung.
Dann diese Tendenz, in Online-Kommentaren so richtig die Sau raus zu lassen, es wird geschimpft, beschuldigt, angeklagt, gemobbt, gedissed usw. Ist ja auch viel einfacher, das am Bildschirm zu tun, da fällt eine gewaltige Hemmschwelle weg. Jemandem in die Augen zu sehen und ihm oder ihr DIREKT die Meinung zu sagen ist wirklich nur etwas für die ganz Mutigen.. Oder für die bewusst Anwesenden.
All diese Bilder mit der Aufschrift „Teile das, wenn du auch der Meinung bist, dass xyz NICHT sein soll..“ – Viel BlaBla das NICHTS Positives bewirkt, rein gar nichts, außer den Umstand vielleicht, dass sich genau dieses unerwünschte Etwas noch häufiger zeigt, eben weil es geteilt wird und weil alles, aber auch wirklich ALLES seinen Ursprung in einem Gedanken findet.
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Ich fühle mich abgestoßen von all diesen Bildern und Posts, die etwas verbreiten, das der Verfasser NICHT möchte, hasst oder schlecht findet. Wie wäre es mal damit, darüber zu schreiben oder Bilder davon zu verbreiten, was man wirklich möchte? Die Aussage und den eigentlichen Wunsch dahinter in einem positiven Ton rauszudrücken? Könnte es ein, dass die meisten Leute gar nicht wissen, was sie möchten, was sie lieben, wie sie etwas lieben oder etwas angehen würden bzw. besser machen würden – aber ganz groß sind im Verbreiten dessen, was ihnen missfällt?
Das Leben hat mich schon oft genug gelehrt, dass die verbissene Fokussierung auf das, was ich nicht möchte, genau diesen Umstand hervorhebt, wenn nicht verstärkt. Die Realität in seiner Manifestation folgt der Aufmerksamkeit.
Also – warum immer diese Kleinkriege führen gegen all das, was nicht sein soll statt es einfach mal anders herum zu versuchen und die Stimme erheben dafür, wie man es stattdessen anpacken könnte?
Es ist halt verdammt schwierig, auch mal kreativ zu werden und in sich reinzuspüren, wenn man den ganzen Tag nur wischend und abgehakt tippend am Bildschirm verbringt. Da kann nichts aufkommen, das dem eigenen innersten Wesen entspringt. Und so ist es meist einfacher, die Posts anderer Leute zu „teilen“, selbst noch einen Kommentar a là „solche Leute gehören weggesperrt – so nicht!“ drüber zu pupsen und dann fühlt es sich auch schon gut an. Dann ist man stolz darauf, seinen Senf zur Sache abgegeben zu haben.
Brave New Social World.
Nein danke.
Ich bin dankbar zu wissen, was ich will.
Und ich bin ebenso dankbar für den Umstand, dass ich beides kombinieren kann. Den Umgang mit den neuen Technologien im Einklang mit meinem Selbst als sehr fein fühlendem Menschen.
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Ich brauche kein Leben nach dem Internet, ich mag es phasenweise sehr gern. Was ich aber will, ist mehr Ausgleich. Zeiten, in denen ich nur in einer Welt lebe. Das habe ich dankenswerter Weise auch selbst in der Hand. Schön wäre es noch, mehr Gleichgesinnten zu begegnen, um dieses Erlebnis der wirklich gelebten Zeit auch zu teilen.
Ich möchte außerdem mehr handyfreie Zonen, Ruhe in der Bahn, ich möchte in den Sternenhimmel schauen können und diese Bilder in mir drin festhalten, weil kein Prozessor der Welt und keine noch so große Festplatte diesem Wunderwerk Gehirn das Wasser reichen kann.
Und ich wünsche mir Respekt vor meiner Intim- und Privatsphäre, ich will Momente, die nicht digitalisiert werden, und Zeiten, in denen auch mal nichts passiert.
Ich will Stunden zusammen, in denen ich mich im Moment der Gemeinschaft eingebettet weiß, die Augen anderer sehen und verstehen und ich möchte gesehen und dadurch auch wirklich verstanden werden.
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Ich will darüber reden, was das ständige Onlinesein mit unseren Gehirnen macht, ich wünsche mir mehr Achtsamkeit im Heranführen der nächsten Generation an dieses omnipräsente und doch so sensible Thema. Natürlich haben wir es alle selbst in der Hand, wie wir damit umgehen. Und dennoch bin ich dafür, mehr Sensibilität und Fokus auf das Thema zu legen, um aufzuzeigen, wie ein Nutzen dieser Technologien mit kritischem Verstand und Hinterfragen des eigenen Verhaltens positiv gelingen kann. Statt zu einer Gesellschaft zu mutieren, die zombieähnlich von den Medien und ihren gewinnmaximierenden Absichten ferngesteuert wird.
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Mal ehrlich.. Einen Monat lang Black FriDAY?
Weihnachtsaktionen, die schon im Oktober starten? Versteht denn niemand mehr, dass es nur mehr um’s Noch-Mehr-Kaufen und Immer-Mehr-Haben-Müssen geht, damit die Wirtschaft brummt? Und den ganzen Tag lang plärren uns diese Bildschirme an mit Informationen darüber, was wir nicht noch alles brauchen, um endlich glücklich zu werden.
Irgendwann geht dieser medial gehypte Black Friday dann nahtlos in Weihnachten über, das dann bestmöglich ausgedehnt wird bis Ostern (die neuesten iPhones winken, obacht!!) und dann steuern wir ohne Pause auf den Pre-Summer-Sale zu, damit wir bitte auch wirklich nichts verpassen.
Ernsthaft?
Fühlt sich hier niemand verarscht?
Könnten wir alle bitte endlich die steckdosenunabhängige Hirnbirn aka Stirnlampe einschalten und WIRKLICH nachdenken statt nur zu reagieren?
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Unsere Abhängigkeit vom Internet, vom Smartphone, den Medien, von Social Media und der dauerblinkenden Werbung macht viele von uns krank, fahrig und emotional kaputt, das geht uns alle etwas an. Und ich möchte, dass das alles hinterfragt und auch diskutiert wird.
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Wie wollen wir leben?
Was wollen wir TEILEN?
Müssen wir all das auch noch haben?
Fühlst du noch oder scrollst du schon wieder?
Gibt es noch strahlungsfreien Raum oder sogar ein Recht darauf?
Darfst du mich jederzeit fotografieren?
Muss ich immer online sein, um einen Job zu halten?
Willst du WIRKLICH mit mir reden?
Dann um Himmels Willen ruf einfach an oder triff mich und SPRICH!
Denn zum Verstandenwerden gehört weit mehr, als ein paar dämliche Emojis mit Ausrufezeichen.
Und das spürst auch du..
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Lösungsmittel

Linz an der Donau, Foto: Alexa Schober 2019
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Es kann schon mal vorkommen, dass Prinzipien gegen die Wand laufen. So richtig schön mit Rumms, ausdauernd vor allem und mit der Zähigkeit alter Lederlatschen. Die wiederholen sich ja auch ganz gern. Die Sache dabei ist nur die, dass man im Lauf der Jahre die Muster dahinter zu erkennen beginnt und die innere Ausrede „Das war mir so nicht bewusst“ ihre Gültigkeit verliert. Spätestens dann wird’s eng da drin. Wegscheuen Wegschauen funktioniert dann plötzlich nicht mehr.
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Also bin ich losgelaufen, habe Lösungsmittel gekauft, es großflächig aufgetragen auf bestimmte Wünsche (deren Absender ich nicht kannte), Sätze (deren Bedeutung ich mir einredete), Situationen (die ich selbst angezogen hatte) und auf alle möglichen Gewichte an den unterschiedlichsten Stellen. Wie so eine Comicfigur in einem raschelnden Maleranzug bin ich rumgelaufen und habe mit einem Eimer in der Hand alles angepinselt, was ich für die Schöpfer meiner blauen Flecken der vergangenen Wochen hielt. Die ohnedies schon am verblassen waren, aber hey, versuche mal, dem Kopf einer Wassermann-Frau etwas auszureden, das sie für wichtig befunden hat!
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Kurz nach dieser Aktion habe ich mich in die Mitte dieses neuen Raums gesetzt, zweifelnd und vor allem erschöpft, aber schon am nächsten Morgen fühlte es sich anders an. Es war gut, so gut wie schon lange nicht mehr und vor allem war alles wieder um diese eine Tonne gedanklichen Ballasts leichter.
Es ist schon verrückt, wenn man sich vor Augen hält, wie sehr einen dieser Kopf auf den Schultern zur Last fallen kann, wo er doch nichts weiter ist, als ein Konstrukt aus Zellen und Nerven, die aufgrund einer genetischen Disposition in einer bestimmten Form Gestalt annehmen, die dann wiederum ein Leben lang hinsichtlich der eigenen Präferenzen wandelbar ist.
Innen wie außen.
Selbst Narben fügt man sich meist selbst zu.
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Jedenfalls muss man zuweilen Dinge tun, ihre Konsequenzen annehmen, sie dann bewusst anders tun, sie neu zeichnen, schreiben, sagen oder malen und sich danach einfach ausruhen und dann ist’s okay. Das Prinzip war eine ganze Weile kaputt, aber zu diesem Zeitpunkt ist es zurückgerutscht in seine Form, in seine Bewegung. Manchmal braucht es ganz einfach Zeit, selbst dann, wenn wir alle nicht dramatisch viel davon haben, aber ich lerne diese eine Form der Geduld nun auch besser kennen.
Jedenfalls bin ich Tage zuvor an Bildern in dieser digitalen Welt gestolpert, habe mich dabei ziemlich erschrocken vor meiner eigenen Reaktion sowie vor all dem, was ich mir davor eingeredet hatte [vielen Dank, lieber Kopf], wie ein Schleier fiel es mir von den Augen und jetzt ist es vermutlich das Beste, was mir in dieser Situation passieren konnte.
SOETWAS oder DAS – nein.
Niemals.
Dies etwas früher schon einzugestehen, dem Bauch sofort Gehör zu schenken, egal was dieser Kopf da oben tönt, das ist die Kür, an der es noch zu feilen gilt.
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Trittschalldämmung

Holz, Foto: Alexa Schober, 2019, Salzburg.
Freundschaften zu speziellen Menschen in meinem Leben, ich bemerke, wie sie immer mehr an Bedeutung gewinnen. Und das, wo wegrutschende Füße, die dann wieder mit Hilfe dieser Menschen zu montieren sind, nicht mehr zu den dringlichsten Routinen meines Lebens gehören. Vielleicht fällt es mir gerade deswegen so auf. Diese immer wieder neu montierten Füße, sie stehen unter anderem auch deshalb im Gleichgewicht, weil die Füße meiner Freunde felsenfest daneben stehen. Damals und noch immer. Die Menschen, die einem am nächsten sind.. Ich denke an sie und muss unwillkürlich lächeln. Jedes einzelne Mal.
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Ich bin fern ab von dem Gedanken, dass es nur die Familie ist, auf die man sich im Leben verlassen kann. Und überhaupt – wer definiert, was Familie ist? Wer alles dazu gehört? Die Gesellschaft? Was, wenn man diese Entscheidung einfach in sich und im Herzen trägt?
Wege trennen sich zuweilen, auch wenn man die gleichen Gene trägt. Nicht immer, aber manchmal tun sie das. Und Biologie besticht meist auch nur in Lehrbüchern durch ihren vorbildlichen Charakter.
Wie definieren sich Menschen, die einen nach etlichen Jahren, manche auch nach kurzer Zeit schon, immer wieder ansehen, nachfragen, zuhören und nicht locker lassen? Jene Menschen, mit denen ich mich auch mal streiten kann, ohne kaputt zu gehen. Weil sie bleiben. Hinsehen. Und nicht loslassen. Mit denen ich lachen kann in Momenten, die sonst kein anderer Mensch versteht und deren Anwesenheit selbst einer wortlosen Gemeinsamkeit mehr als genügt.
Menschen, um die ich mir zuweilen auch einen Kopf mache, ohne mich in der Panik einer Verlustangst zu verlieren. Die ich auch mal vermisse in dem Wissen, dass uns das Wollen wieder zusammenführen wird.
Menschen, neben denen ich sein kann, wenn die Umstände besonders beschissen oder besonders wundervoll sind, in jedem Fall extrem und so, dass man nicht jeden aushält in der eigenen Nähe. Ich sehe, wie viel mehr Zeit ich eigentlich bräuchte, um noch mehr zu erfahren von ihnen, und gleichzeitig haben wir allesamt nicht besonders viel davon und treffen uns dennoch in diesem Verständnis.
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Freunde als selbst gewählte Familie ohne Zwänge. Freunde als selbst gewählte Lieben. Freunde als Lieblingsraum, dem man sich widmen darf, weil er sonst Staub ansetzt oder man ihm entwächst.
Freunde als Wachstumsschub, wenn man es hin bekommt, sich nebeneinander zu entwickeln, zu stützen und zu schützen, ohne sich einzuschränken, zu verletzen oder zu entblößen.
„Geh, wenn du willst, es ist egal, wo du bist, wenn du wieder kommst, werde ich hier sein für dich.“
Worte, deren Bedeutung mir noch nie so klar waren wie heute.
Freunde, deren Platz schon all die Zeit glänzt, da bin ich mir sicher, diese Zeit wird nicht anlaufen, dafür waren und sind diese Verbindungen zu sehr, wie sie eben sind. Denn gerade hier schaut man nicht nur auf das, was nicht ist oder nicht funktioniert, nicht zu sehr auf Verfehlungen oder das Ungewollte. Sondern auf all das, was da und gut IST. Man nimmt sich gegenseitig so, wie man ist und arbeitet nicht mit Beton, niemals mit Beton. Steine sind zwar auch okay, wärmende Stabilität gibt es aber meist nur auf Holz.
Wir stellen die Füße nebeneinander und das ist so viel, zu jeder Zeit.
Ihr wart und seid mir immer viel mehr als nur genug.
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Freifahrt


Es beginnt ganz unten im kleinen Zeh.
Du streckst und schüttelst ihn, aber es lässt nicht ab von dir, es wandert unbeirrt weiter.
Nach oben.
Deine Waden entlang zu den Knien, deren Konsistenz dich unwillkürlich an Butter denken lässt. Das Gefühl taumeln zu müssen überkommt dich. Aber du fällst nicht.
Du hältst dich, es hält dich.
Ein Lachen befreit sich aus deiner Brust, das dich in eine Krümmung biegt, derer du dich niemals imstande geglaubt hättest.
Du lachst weiter, richtest dich auf, drehst dich um, schaust suchend, siehst es nicht, fühlst es dennoch und wunderst dich, staunend.
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Dann beschließt du für einen Moment die Perspektive zu wechseln.
Auszusteigen, um dich mit verschränkten Armen und kopfschüttelnd aus einem halben Meter Entfernung selbst zu betrachten. Siehst dir an, wie es mit dir macht, was es will. Machtlos bist du, aber es fühlt sich gut an und erneut verhaken sich deine Mundwinkel hinter den Ohren.
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Wenn es sich dann wieder auf den Weg macht, weiter hinauf, siehst du zu, dass du wieder Platz in dir findest. Eventuell schnallst du dich an, bevor es den Bauch erreicht. Weil du weißt, dass dort die Achterbahn wartet, an der gerade Freifahrten verteilt werden. Lachend ringst du um Luft und möchtest es mit Nachdruck hinausschreien, aber es bleibt und lässt sich nicht davon abhalten, weiter zu wandern.
Nach oben..
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Und noch während du prustend versuchst die Luft anzuhalten, um nicht zu verraten, wo sich dein Herz befindet [weil niemand außer dir selbst den Takt angeben kann, darf, soll??] tut dieses einfach einen Sprung. Setz für den Bruchteil einer Sekunde aus, um dann langsam – aber unaufhörlich und sicher – immer schneller zu schlagen.
Während all dies geschieht, bleibt dir nichts anderes übrig, als dich hinzugeben. All dem und noch viel mehr, von dem du jetzt noch nichts weißt.
Und diese warme, pulsierende Verbindung aus Energie zu spüren, die jetzt ungehindert vom keinen Zeh bis zu den Haarspitzen strömt.
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Leben.
Jeden Tag aufs Neue.
Unglaublich, was es da alles zu er-leben gibt.
Vor allem, wenn man sich mal gedankenlos, aber voller Gefühl drauf einlässt.
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Sexy [dot com]

Foto: Alexa Schober.
Beziehungen sind konfliktgeladen, weil Konversationen zu LOL- und Smiley-Chats mutieren, Argumente in Sprachnachrichten verpackt werden und Gefühle zu Status-Updates verkümmern. Und inmitten all dieses Binärcode-Gedöns haben wir gelernt, die Stille in uns tot zu schreien..
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Ich liebe Kommunikation. Und ich habe gelernt, dass sie am besten gelingt, wenn ich zuallererst verständlich und klar mit mir selbst kommunizieren kann.
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Ist es denn wirklich ein derart schwieriger Akt, sich selbst zuzuhören?
Ohne Werbeunterbrechung, Nachrichten aus aller Welt oder digitaler Sprachfetzen auf Fünfzöllern. Es wird mich nicht wundern, wenn künftige Generationen mit leicht angeeckten Pupillen zur Welt kommen. Vielleicht lässt sich so auch noch das Blinzeln während des Bildschirmstarrens vermeiden, um etwas Zeit einzusparen.
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Mir fällt immer mehr auf, wie weit sich unsere Gesellschaft weg bewegt von einer notwendigen Stille, die es braucht, um den Kontakt mit sich selbst herstellen zu können.
Unsere heutigen, sich fortwährend weiter entwickelnden digitalen Kommunikationstechnologien sind sicher ganz großartige Errungenschaften in Sachen Vernetztheit und Beschleunigung von Arbeitsprozessen.
[Ein bisschen schneller und effektiver geht doch immer, schließlich gilt es, die Taschen einiger Weniger am oberen Ende dieser Gesellschaft stetig zu füllen.]
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Diese Kommunikationstechnologien diktieren unser heutiges Leben wie noch kein anderes Medium zuvor. Und sie separieren uns – trotz all der Vernetztheit und Überbrückung von Distanzen.
Wir kommunizieren – und sind währenddessen dennoch so einsam wie nie zuvor. Es bimmelt an allen Ecken und Enden, News-„Updates“ laufen auch auf unseren Uhren ein und wenn es jemanden interessiert, der kann auf Facebook mitverfolgen, welche Strecke Frau Nachbarin für ihren Morgenlauf gewählt hat (wie lange sie dafür gebraucht hat und wie viele Kalorien ihr noch fehlen, um die ersehnte Bikinifigur zu erhalten). Wen auch immer das interessiert.
Das Triviale daran: Das tut es in den meisten Fällen auch nicht – also jemanden WIRKLICH interessieren. Dennoch schauen wir hin, weil es eben aufpoppt. In dieser Timeline.
Das Ego sucht kontinuierlich nach Reizen, während die Seele um Stille und Muße fleht.
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Wir liken. Schönheiten, die man vermutlich mit einem feuchten Tuch abwischen könnte, wenn Photoshop und die unzähligen Foto-Filter-Apps noch aus Pinsel und Papier bestünden.
Und wir schreiben.
Kommentieren.
Verkürzt und abgehakt.
Vor allem und meistens aber: Von der Couch aus. Manchmal inkognito, ist ja auch bequemer so und Mut muss man dazu auch nicht wirklich aufbringen.
Glauben uns eingebunden und sitzen in Wirklichkeit vor fingerverschmierten- Retina- Oled- oder Wasweißichwasfür- Bildschirmen.
Fernseher an, Radio an, Telefon immer am Netz, Kopfhörer im Ohr. Hauptsache keine Stille, die könnte unter Umständen unbequem (fürs Ego) werden.
Warum eigentlich?
Warum scheinen sich so viele Menschen vor sich selbst und ihrer inneren Stimme zu fürchten?
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Was haben wir eigentlich früher mit all der Zeit gemacht, in der wir nicht auf Displays gestarrt haben? Waren wir einfach da – im Moment – ganz bei uns?
Vielleicht sogar am Träumen und Ausmalen von Möglichkeiten? Waren wir nicht auch mal kreativ ohne all die neuen, digitalen Hilfsmittel?
Und war das nicht um Welten echter als das, was wir heute täglich von uns geben oder konsumieren?
Oder noch viel wagemutiger – war da vielleicht sogar mal ein anderer Mensch, den wir mittels all unserer Sinne und ohne Ablenkungen wahrgenommen haben?
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Kommunikation funktioniert auf keiner singulären Ebene. Und schon gar nicht auf einer rein digitalen. Zu gelungener Kommunikation gehört meines Erachtens zuallererst die Fähigkeit zur Empathie. Des Mich-Einlassenkönnens auf mein Gegenüber. Das Reinspüren und wirkliche Zuhören.
Um das zu erfüllen, muss ich zunächst die Fähigkeit besitzen, auf mich selbst eingehen zu können. Der Zugang zur eigenen Gefühlswelt und deren bewusste Reflexion sind unabdingbare Voraussetzungen gelungener Kommunikation.
Zudem besteht Kommunikation aus ganz vielen weiteren Kanälen, die alle zusammenfließen. Mimik, Gestik, Haptik, olfaktorische Wahrnehmung, das Timbre der Stimme, die Sprache an sich, ihre Geschwindigkeit, der Kontext, in den man mit seinem Gesprächspartner verwoben ist, die eigene Geschichte, die man trägt, die Annahme einer Geschichte des Anderen usw..
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Ich könnte hier noch ewig weiter schreiben zum Thema Kommunikation. Will ich aber nicht. Ich schließe diesen Beitrag mit Worten, die mir in letzter Zeit immer wieder durch den Kopf gehen:
„Weißt du, was ich wirklich sexy finde?
Eine richtige Konversation.
Von Angesicht zu Angesicht.“
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Mit Nachdruck

Blaueis, Hochkalter, Schärtenspitze, Berchtesgaden, Hintersee, Bayern, Foto: Alexa Schober, Salzburg 2019.
Sich mittendrin der Vorstellung hingeben, den Sommer ganz einfach woanders zu verbringen. Ganz egal, was da momentan an- vor- oder kopfsteht. Es einfach tun, sich auf den Weg machen um dann mit leichterem Kopf zurück zu kommen. Damit die Umstände, die man schon kennt aus den Jahren davor, abgelöst werden nicht nur von ihresgleichen, sondern von allem. Weil sich Gefühle manchmal so ineinander schieben, dass der Kopf, abends im Bett, in dieses ohrenbetäubende Rauschen fällt, weil das Herz derart klopft wenn man nicht weiß, woran man zuerst denken soll.
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„Alle Knöpfe gleichzeitig drücken ist Neustart“, wird oft gesagt. Was aber, wenn ich beschließe es genau anders rum zu machen? Einfach so, um zu sehen was geschieht? Nichts und niemanden mehr zu drücken, sondern es einfach sein lassen wie er/sie/es ist? Einige kluge Köpfe haben bereits festgehalten dass es Wahnsinn sei, immer dasselbe zu tun und dennoch andere Resultate zu erwarten. Trotzdem (oder gerade deswegen?) tun wir es, da in der Wiederholung von Bekanntem auch eine Art Hinwendung steckt, derer wir uns nur ungern entziehen. Aber genau das wird weniger im Lauf der Jahre. Es fällt mir immer leichter, Dingen ihren Lauf zu lassen. Einfach nur um zu sehen, was passiert. Das Zaudern auszuhalten ohne Exit-Strategie.
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„Komm, wir treffen uns“ war damals immer das Versprechen, eine gewisse Zeit miteinander zu verbringen. So richtig miteinander. Anwesend sein. Weil die Anwesenheit des anderen Grund genug war für das Teilen gemeinsamer Zeit. Ohne Plan, vielleicht essen, vielleicht sitzen, vielleicht lesen oder irgendwohin gehen, etwas tun oder auch nicht. Maximale Momentorientierung, statt der heute scheinbar omnipräsenten Frage nach dem „Und was kann ich da für mich rausholen?“
Manchmal haben wir einfach nur rumgelegen in einer Wiese am Berg, die Anwesenheit des anderen beruhigend wahrgenommen während die Sonne immer längere Schatten zu zeichnen begann.
In solchen Momenten dachte ich oft, das ist das Leben, so wird es später immer sein, so ruhig und dass man sich keine Sorgen macht, jedenfalls nicht solche, über die man sich den Kopf zerbricht. Und wie ich mich daran gewöhnen konnte, bei einem Menschen ganz da und ich sein zu dürfen, das ging damals ganz leicht.
Ich möchte manchmal schon wissen, ob es an mir lag oder an dem Menschen, mit dem ich diese Zeit verbrachte. Dass es okay war immer alles zu sein, was ich gerade war. Und umgekehrt. Ohne dieser lähmenden Angst im Nacken, der andere wäre bei der kleinsten Abweichung des gemeinsamen Plans wieder verschwunden. Welcher der danach gedrückten Knöpfe war es, der das alles veränderte?
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