Bland

Was, wenn da noch immer Lücken sind. Im Regal. Wo trotz Umzug zwischen den Büchern etwas Staub eingezogen ist.
Und im Herzen. Da, wo Menschen für immer gegangen sind.
Manche Lücken lassen sich gut säubern und füllen. Wände und Zähne zum Beispiel.
Aber für Lücken im Herz gibt es bislang nur den Spezialisten in sich selbst.
Am offenen Herz operieren, das können einige wenige Menschen.
Lücken restlos schließen, das schaffen sie dennoch nicht.
Der dazu benötigte, körpereigene Kleber hat einige Stationen zu passieren, bevor er dort seine Wirkung tun kann, wo er benötigt wird. In der Zwischenzeit hat man immer wieder mit offenen Wunden zu kämpfen. Denn mit diesen Wunden am Herz ist es ja so, dass sie die Angewohnheit haben, von Zeit zu Zeit und je nach Belastung aufzuspringen..
Eine wunderbare Tatsache des Herzens ist, dass SIE ein Muskel ist. Der, wenn man es wirklich will, geliebt, gebraucht, trainiert und widerstandsfähiger werden kann.
Das frische Blut dieses pumpenden Muskels tropft dann vielleicht nur mehr langsam nach außen, anstatt sich in Sturzbächen zu ergießen. Und diesen einzelnen Tropfen kann man dann auch ohne Angst im Nacken beim Gerinnen zusehen.

Da gab es ein inneres Hämatom, sagt er, einige Jahre altes Blut, abgekapselt von meinem Körper und damit auch konserviert für eine unbestimmte Ewigkeit. Und ich kann mir augenblicklich vorstellen wann und wie das geschehen ist, sage aber nichts.
Links, what else, und ich möchte meinem Herzen auf die Schulter klopfen. Als ob SIE der Meinung war, alles aufnehmen und für immer festhalten zu können, um nur ja nicht zu vergessen. Und in der Zwischenzeit nahmen all die kleinen Aussetzer und Stolperer langsam, aber stetig, weiter zu.

Was für ein wunderbarer Körper, lache ich dennoch in mich hinein. Was der alles abkapseln, umhüllen und ausschließen (unter den Teppich kehren??) kann, das er für nicht gut befindet.. Allerdings hat er es auch mit meinem Einverständnis nicht geschafft, diese konservierte Kapsel nach außen zu fördern. Das den Gefäßen ausgetretene Blut gehen und damit auch gerinnen zu lassen.
Von außen war nie etwas zu sehen, aber innen drin, da hat es sich spürbar festgesetzt.

Ja, manchmal braucht es etwas Hilfe.
Von außen.
Von einem fähigen und befugten Menschen, mit dessen Können Einzelteile sortiert, getrennt und dann wieder zusammengefügt werden. Der diese „Metzgerei“ freiwillig, fokussiert und unter kontrollierten Rahmenbedingungen bewerkstelligt.

Es ist jetzt alles raus, bestätig er was ich schon spüren kann.
Ich atme tiefer. Gleichzeitig weicher.
Der Eingriff verlief komplikationslos, schreibt er noch abschließend.
Die Wunde ist bland.
Abheilend.
Die Umarmung, die ich ihm gebe, drückt aus, was in diesem Moment viel zu viel der Worte wäre.

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Herzensableger

Neue Verbindungen, Herzenswert, Salzburg, Foto: Alexa Schober

Sich selbst ein Zuhause sein, egal wo man gerade oder auch etwas schief steht oder an wie vielen Plätzen man gleichzeitig sein muss. Das ist etwas, das lernt man nicht von gestern auf heute. Vielleicht auch nicht auf morgen. Und in der Schule erst recht nicht. Ist ja nix zum Auswendiglernen, das alles..

Die Sache mit dem inneren Strahlen, das nicht gesehen werden muss und dennoch tief drin ganz groß ist. Das Weitermachen an den Tagen, an denen sich das Leben nach innen zentriert, während man nachts aufwacht und jeder Zentimeter um einen herum kühler und härter ist als man selbst.

Vor allem nach Zeiten des großen Fressens, das Menschen manchmal miteinander veranstalten. Wenn sie kleine Finger mitgehen lassen, eine Hand, einen Arm, an dem vielleicht noch ein Stück schlagendes Herz mit dran hängt. Das in einem letzten, verzweifelten Versuch kleine, immer blasser werdende Tropfen am Boden hinterlässt. Wegweiser, zurück zum Besitzer.

Es bleiben immer Reste übrig und das Aufräumen und Wegwischen vergangener Spuren, das darf man auch erst lernen. Mit vollem Bauch (und fehlenden Körperteilen) erledigt man weder den Abwasch, noch stürzt man sich auf den nächsten Langstreckenlauf.

An mehreren Orten gleichzeitig, manchmal (gerne) unsichtbar sein und trotzdem weiter machen, an anderen Plätzen nicht mehr stattfinden, egal, wie viele Körperteile ihren Weg nach Hause suchen oder Abdrücke hinterlassen haben. Das lernt man nicht am ersten Tag. Auch nicht am zweiten. Und wenn es Jahre dauert – Hauptsache, man erlaubt es sich.

Manchmal lernt man langsam. Nachts, wenn Grenzen verschwinden und Räume unendlich groß werden. Und wenn man am Morgen zuallererst in den Spiegel schaut, ist die Narbe noch da.
Wenn ich jetzt die Augen vor diesem Spiegel schließe, nach innen spüre, ist die Gänsehaut direkt vor dem Herz auch wieder da.
Raum.
Für neue Verknüpfungen zwischen Epikard und Epidermis.
Was für ein wunderschönes Gefühl.

Blechschaden

Rotgueldensee, Salzburg, Lungau, Foto: Alexa Schober

„Entspannter ankommen“ – damit wirbt ein Autohersteller zur Zeit im österreichischen Radio.
Als ob man überhaupt von Entspannung reden kann, wenn es um die Fortbewegung mit dem Auto in und rund um Salzburg geht. Vermutlich ist das in ganz Europa ähnlich.
Höre ich nämlich die Radiosender der benachbarten Bayern, dauern dort die halbstündlichen Staudurchsagen gefühlte 10 Minuten, gefolgt von einer 15-minütigen Werbepause.
Wenn das nicht Entertainment pur ist..

Jeder in seiner eigenen Blechglocke, schön abgeschirmt, Hauptsache da drin ist es so gemütlich und komfortabel wie daheim. Wenn schon auf der Stelle treten, dann bitte mit Komfort.

Neben den stundenlangen Staumeldungen gibt es Werbung am laufenden Band, frei Haus Auto auf den Bildschirm des integriert- und selbstverständlich interaktiv agierenden Media-Systems, damit Mensch in der Glocke auch weiter brav mit Kaufanregungen gefüttert wird [ein bisschen größer und ein bisschen mehr geht doch immer!!]

Holt man sich halt das Wohnzimmer ins Auto, irgendwann sind die Dinger sowieso selbstfahrend und wenn der SUV-Trend in den Städten noch weiter expandiert, dann passen demnächst auch ganze Wohn- und Couchlandschaften in unsere Blechgefährten.
Wozu eigentlich noch ein fixes Dach über dem Kopf? Mit dem Wohnzimmer auf der Straße, da steht es sich auch ganz kuschelig in Reih und Glied, wichtig wäre auch noch ein anständiger Luftfilter, weil sich das mit den Elektro-Autos noch nicht ganz durchsetzen will. Oder kann. Der Strom aus der Dose fällt halt noch immer nicht exklusiv vom Himmel.

Ja und weil Autofahren umweltbelastend ist und der Staat dagegen Zeichen zu setzen hat, schraubt er jährlich an der KFZ-Steuer [wer käme schon auf die Idee, dass er damit einfach nur Geld machen will], die Spritpreise klettern proportional dazu und dennoch autonom in die Höhe und wir stauen dann mit unseren spritfressenden Wohnglocken entspannt in unsere Arbeitsstätten um das Geld zu verdienen, das wir brauchen, um überhaupt an diese Orte zu gelangen.
Was für eine bühnenreife Komödie mitten im Alltag, diese selbst kreierten Blechschäden. Wie auch dieses staatliche System und seine Akteure, die haben wir uns auch selbst ausgesucht, um das nicht zu vergessen.

Entspannter ankommen..
Ich weiß, wie ich wirklich entspannt an einem Ort ankomme. Mit diesem wunderbaren Luxus, einen gesunden Fortbewegungsapparat mein Eigen zu nennen.
Es ist das GEHEN.
Zu Fuß.
Ja, ich gehe.
Manchmal fahre ich auch.
Mit dem Rad.
Kein stundenlanges früher Wegfahren, um auch ja pünktlich anzukommen.
Keine Gedanken an Wetter- und Straßenverhältnisse oder Tonnen an Schnee, um das Blechdings frei zu bekommen.
Ja, ich habe das Glück, zu Fuß zur Arbeit gehen zu können und ich weiß exakt, wie lange ich dafür brauche.
Was für ein wunderbarer Luxus in Zeiten der endlosen Blechlawinen.

Jeder Tag hat seine Zeit und jeder Ort seinen Weg..
Wie viel mehr Zeit mir bleibt, um an schönen Orten rumzusitzen, rumzuwandern, rumzuhängen und zu träumen.
Oder auch mal gar nichts denken.
Das kann ja auch ganz viel.
So hin und wieder.
Wir vergessen das nur zu oft inmitten der medialen Dauerberieselung unseres Zeitalters.

[Eigenständiges, unbeeinflusstes Denken und Fühlen kann dem System schaden – bitte vergessen Sie auch das nicht!]

Larynx

Verstehen ohne Worte - Foto: Alexa Schober

Trotz aller Errungenschaften heutiger Kommunikationstechnologien ist keine Erfindung annähernd so effektiv wie die Entwicklung des Klangs der menschlichen Stimme.
Wenn ich eine menschliche Stimme höre, möchte ich instinktiv zuhören in der Hoffnung, etwas zu verstehen. Selbst wenn der Sprechende noch nach den Worten sucht. Oder ich die Sprache nicht kenne. Und auch dann oder gerade wenn ich ein Lachen, Schreien oder einen Gesang höre. Im Klang der menschlichen Stimme schwingt immer Verstehbares mit, selbst wenn keine Wörter zu versehen sind.
Das liegt an der Resonanz der Stimme, die ist einzigartig auf dieser Welt, jedes einzelne Mal.

Stimmen können sich ähneln. Nie aber gibt es die gleiche ein zweites Mal.
Das hat mit Druck, Luft, Widerstand, der Beschaffenheit von Muskulatur, Abnützungen oder Verletzungen, sowie Nerven zu tun. Mit Erkenntnissen und Nachverdauen von Erlebtem, mit Schlaf in der Nacht davor und auch erst dann geben Rachen, Mund- und Nasenraum als Resonatoren nach- und miteinander der Stimme ihren Klang. Dieser Prozess ist so unglaublich komplex und dennoch geschieht er unmittelbar und in der Regel ohne großen Aufwand. Keine monatliche zu zahlende Flatrate, kein Ablauf von Garantieleistungen oder Komplettversagen bei Strom- oder Serverausfall. Und meistens weiß ich, auch ohne sie unmittelbar zu sehen, welchen Ausdruck die der Stimme zugehörigen Augen gerade annehmen.
Das klappt mit WhatsApp und Co. nicht, mein Wort drauf.

Ich bin nach wie vor dafür, mehr Augenmerk und Wertschätzung all dem zukommen zu lassen, was da ist, das, was meist nichts kostet und dafür umso wertvoller ist als alles, wofür man Geld hinblättern muss.
Wir haben so viele wunderbare Kanäle der menschlichen Kommunikation. Und sie verkümmern, weil es wirkt, als würde alles und jeder nur mehr mit gesenktem Kopf über Fünfeinhalbzöller Nachrichten und Bilder durch virtuelle Netze jagen.
Ja, es IST.
Auch das.
Dennoch – für mich ist das nicht echt genug. Wie ein unfertiges Puzzle mit unterm Teppich verschollenen Einzelteilen.
Und wer mir das auf diesen Pixeln hier nicht glaubt, dem erzähle ich das gerne von Angesicht zu Angesicht.

Luftlinie

Krähe, Corvidae, Foto: Alexa Schober

Es wirkt so beiläufig, als sie mir das sagt, trotzdem kommt es ohne Umwege aus ihr heraus und vielleicht muss es auf einer Geraden sein, auf der ich zu hören bekomme: „Ich glaube, du hast nur etwas auf dem Herzen“.
Es macht mich sprachlos im ersten Moment, weil es so offensichtlich ist, so klar und spürbar, dieses Stolpern, fast ein Überschlagen, das mir immer wieder Angst einflößt, mich innehalten lässt und zum tiefen Ein- und Ausatmen zwingt. Und dennoch braucht es offenbar diese Menschen, die mir das direkt ins Gesicht sagen.

Im nächsten Moment schießen mir gefühlt 100 Dinge gleichzeitig vom Bauch in den Kopf, wie ein Echo aus der Mitte tönt es in mir: „Von wegen ‚vielleicht‘, das ist ganz sicher so und was heißt hier ’nur‘, das fühlt sich an wie eine ungesicherte Tonne LKW-Fracht bei 180 auf einer Küstenstraße und wenn wir schon dabei sind es zu definieren, was ist dieses ‚Etwas‘ nun wirklich, können wir IHM in die Augen sehen, ES anfassen, SIE auch annehmen und loslassen, können wir einen Herzensableger basteln, gemeinsam, es muss ja nicht weggeworfen werden, nur abgelegt an einem Ort, den es nicht derart drückt wie das Herz? Bitte? Können wir das gemeinsam tun?“

Menschen, denen wir begegnen, nichts davon geschieht ohne Grund. Und je weniger sie von mir wissen, desto mehr scheinen sie mir sagen zu können. Vielleicht weil es einfacher ist, einen Menschen zu sehen und wahrzunehmen ohne diese Geschichten, die wir von uns haben, die ich von mir habe, von denen ich meine, sie immer und immer wieder nach außen mitteilen zu müssen um nur ja nicht falsch verstanden oder interpretiert zu werden. Wie ein Lechzen um die Wahrnehmung anderer und dabei verstellt nichts so sehr die Sicht aufs Wesentliche, wie die Geschichten im Kopf, die allesamt aus der Vergangenheit kommen.
Was für ein Firlefanz, dieser Verstandestanz.

Das sind also immer wieder Menschen, die dir das Leben vor die Türe stellt, sie kommen alle mit einem persönlichen Brief in der Hand und der gut lesbaren Fußnote darauf „Viel Freude und mach‘ was draus! Herzlichst, dein Leben!“

Ja.
Klappe zu und Herz auf.
Oder von mir aus:
Kopfdenken aus und Herzklappen auf.
Whatever.
Es IST.
So wunderbar leicht..

Watteweich

Eigentlich sollte man viel öfter auf den Berg gehen, noch bevor sich der Tag eine Stimmung ausgesucht hat. Etwas müde und nüchtern die ersten Schritte setzen, den gedankenbefreiten Automatismus der vertrauten Bewegung nutzen bevor es richtig bergauf geht und der Körper ein bisschen mehr Fokus verlangt, mit steigender Pulsfrequenz immer weiter hoch, Hand in Hand mit dem Wind an der sich auftürmenden Wand vorbei, in kurzer Hose auch wenn es dafür eigentlich schon etwas zu kalt ist und irgendwann macht der Körper dann wieder alles allein, der Kopf bleibt nur im Hintergrund prüfend dabei, ein bisschen wie im Stand-By-Modus, den Rest der Zeit schaut er sich Gedanken an, die einfach vorbei kommen und er überredet keinen einzigen zum Bleiben, er heftet ihnen keine Etiketten an, lässt sie ziehen, so wie der Weg immer weiter vorbei zieht und dann – im Körper und mit diesem Kopf – ganz oben stehen und ohne darüber nachgedacht zu haben wissen, was für eine Stimmung man selbst diesem Tag bereit ist zu geben.

Der Wind reißt das Weiß hin und wieder auf, frisst Löcher hinein, nur um sie kurz darauf wieder zu stopfen. Vielleicht haben alle 25. September diese zerreißenden und gleichzeitig zusammenfügenden Eigenschaften, fährt es mir durch den Kopf.
Dann sehe ich in den kurzen, löchrigen Phasen des wattigen Weiß das Tal unter mir. Wie eine Lego-Miniatur. Wie anders alles aussieht, wenn man sich nur ein Stückchen davon entfernt. Und ich muss lachen. Ver-rückt sieht es aus. Als wären sich ein paar Kinder beim Spielen nicht ganz einig geworden, die dann alles liegen und stehen ließen, nachdem sie zum Essen gerufen wurden.
Wie schön.
Wieder ein Jahr an perspektivischer Distanz dazu gewonnen.