Barfuß

Feigenblatt, Salzburg, Foto: Alexa Schober

Weisst du noch, wie wir im Sommer Regenwürmer aus der nassen Erde gegraben haben, damit Papi beim Fischen am See gut ausgerüstet war? Kannst du dich an diesen Geruch erinnern? Und an die kleinen Frösche, die wir vom See in den Garten trugen, ihnen Teiche gruben und klitzekleine Leinen anlegten, weil sie sonst davon hüpfen könnten. Du hast mir immer sehr genau zugesehen. Bei allem. Und es dann genauso gemacht, ich kann mich heute daran erinnern, als wäre es gestern gewesen.
Entschuldige bitte, wenn nicht alles pädagogisch wertvoll war, das ich dir beigebracht habe. Flausen gehörten halt auch irgendwie dazu.

Kannst du dich noch an das Geräusch erinnern, an dieses Krachen, als unser Kater dem Weißfisch, den Papi mitbrachte, zuallererst in den Kopf biss? Sein Gesichtsausdruck dabei, unbezahlbar. Er konnte immer genießen, egal ob oben am Nussbaum, der durch das Plexi-Dach der Veranda wachsen durfte, dort, wo er alles im Überblick hatte, oder unterm Tisch beim Fressen.
Sein Fell, wie das von Pipis Pferd.

Pferde! Die waren so eine weitere Leidenschaft von uns. Wie viel Zeit haben wir damit verbracht, imaginäre Zäune im Garten zu denken und uns gegenseitig an die Longe zu nehmen, um beim Pferd-Spielen endlose Kreise zu laufen? Wie viele Kilometer waren es?
Weißt du noch, wie ich dir manchmal den Kopf gestreichelt habe, bis du endlich eingeschlafen bist? Geträumt haben wir von dem Pony im Garten und Ausritten zum See und es war so real, dass wir am nächsten Morgen Muskelkater in den Oberschenkeln hatten. Bis zu dem Tag, an dem wir dann auf echten Pferden sitzen durften, eine ganze Woche lang. Ohne Eltern. Was für ein Abenteuer.

Die Sommer dauerten ewig damals, sie waren so bunt, so gefüllt mit Phantasie und Sonne und See und schmutzigen, bloßen Füßen, Bikinis ohne Oberteil, Ohrringen aus Kirschen, Hänegmattenmittagsschläfchen (hast du auch versucht die Blätter zu zählen?) und kalten Duschen im Regen unter freiem Himmel. Jeder Tag wie ein Jahr. Das verlernen wir irgendwie mit dem Alter. Da ist dann immer zu wenig Zeit hier, zu wenig Zeit da. Alles muss schnell gehen und keiner hat mehr Zeit. Trotzdem machen alle irgendwas. Immer. Wo geht sie denn hin, die Zeit?

Ostern. Weißt du noch, als wir unser erstes Flimmerkastl im Taschenbuch-Format bekamen? Papi versteckte zwei der ersten Gameboys, die es damals gab. Für uns. Mit einem selbst geschriebenen Gedicht schickte er uns auf die Schnitzeljagd. Es war der Eintritt in dieses digitale Dauerdings, in dem wir jetzt leben, aber es war so wunderbar analog, wie es dazu kam. Es war ein Abenteuer, bestehend aus selbst geschriebenen Worten und einem Vater, der sich wirklich etwas antat, um seinen Töchtern eine Freude zu bereiten. Der uns Kinder immer in die Natur begleitete, um mehr zu sehen!
Wir durften wirklich noch Kinder sein.

Dass du vom Fußballspielen mit ihm immer offene Knie hattest und regelmäßig mit Straßenschutt-gefüllten Hosentaschen nach Hause kamst, trug dir den liebevoll gemeinten Titel des Sandlerkönigs Eberhart ein. Papi, der große EAV-Fan.
Und dass ich Barbie-Puppen bis heute gruselig finde, sie lieber bunt anmalte und ihre Haare abschnitt, als ihnen Klamotten an- und auszuziehen, das schieb‘ ich auch gern ihm zu. Er, der uns so sein ließ, wie wir waren. Ein bisschen wild, ein bisschen ungezähmt, aber auch sehr feinfühlig und phantasievoll. Wir waren so unterschiedlich und uns gleichzeitig so ähnlich, eben weil wir uns hatten.

Was bin ich dankbar für diese Zeit, weil ich sie erleben durfte, spüren durfte, mit all meinen Sinnen. Und was bin ich dankbar für dich, dass es dich gab und auch heute gibt in meinem Leben. Ich denke, unser Papi mag, was aus uns wurde. Wie wir sind. Mit all unseren heutigen Unterschieden.
Nein, ich weiß, dass er es mag.
Weil auch er immer irgendwie da ist.

Kalibration

Menschen, die in der Bewegung von einem Ort zum anderen ihre ganze Aufmerksamkeit ins Handy stecken. Zuhauf. Kopf, Nase, Augen und Ohren, sie allesamt stecken da drin. Und die Haut auch, die klebt außen drauf, weil sie noch nicht vor einem herschweben können, die Taschenmonster-Dinger. Zumindest jetzt noch nicht. Wie gut, dass wir Hände haben. Vielleicht werden auch die eines Tages überflüssig.

Neuerdings werden Sprachnachrichten auf WhatsApp verschickt. Ich bekomme immer mehr davon. Und das nicht, weil ich verhindert wäre um mir das Flimmerkastl ans Ohr zu drücken. Vermutlich ist es irgendwie praktisch für den Absender. Das lästige Tippen und die müßige Auseinandersetzung mit der Orthografie fallen weg, außerdem wird man dabei nicht einfach unterbrochen und der Empfänger kann/darf/muss sich im achtsamen Zuhören üben. Dass man mittels WhatsApp auch Tarif-unabhängig telefonieren kann, wird sich dann wohl zu einem schmucken Zusatz-Feature zurück entwickeln.
Und denk‘ ich mir, was soll’s. Schreibe dennoch oder gerade deswegen zurück. Wo ich doch auch anrufen könnte, aber ich mag halt unsere Orthografie, wenngleich mir das Tippen auf den Flimmerkastln schon lange auf den Keks geht und angesichts dieses Aspekts wiederum meine Touchscreen-Rechtschreibung ebenfalls mit hängendem Kopf schlurfend vor sich her trottet. Irgendwie tut man da halt doch mit, in diesem digitalen Massenkommunikations-Irrsinn.

Es gibt auch die Menschen, die in der Bewegung von einem Ort zum anderen sofort die Kopfhörer aussetzen und dann den Buchstaben folgen, die sie vor sich her tragen. Häufig denke ich mir, dass mir das schwer fallen würde. Als würde ich die Veränderung vor meiner Nase negieren, das Fremde wegblenden, indem ich Vertrautes einfach drüber lege. Wie eine Decke.
Gerade weil ich keine Ahnung habe von dem Neuen um mich herum und weil Ortsveränderungen das nun mal mit sich bringen, möchte ich nicht so tun, als wüsste ich, wo es in welchem Takt lang geht. Die Simulation von Vertrautem in der Veränderung.
Schon beim Schreiben könnte man darüber stolpern.

Mein Körper braucht ein Weilchen um sich einzustellen auf einen neuen Pegel, sich zu kalibrieren auf noch unvertraute Stimmfarben, andere Luft, verändertes Grundrauschen. Sobald ich woanders hin gehe, sperrt mein Körper alle Poren auf, lässt das Neue hinein und richtet sich dann aus.
Dieser Vorgang kann kann schon mal etwas dauern. Vergleichbar mit dem sich oft endlos ladenden Kreis am Bildschirm. Und wenn wir alle schon so geübt sind im Warten auf den Ladevorgang neuer Seiten und Programme, denk ich mir: Diese Geduld dürfen wir auch unseren Mitmenschen im „Real Life“ zuteil werden lassen.
Es gibt nämlich Menschen, die das brauchen. Noch immer. Und daran ist überhaupt nichts verkehrt, es ist sogar eine großartige Eigenschaft und diese Menschen werden auch wieder mehr, wie ich finde. Zumindest nehme ich ihrer immer mehr wahr. 

„Bitte brechen Sie den Vorgang nicht ab.“

Tau am Puls

Foto und Bild: Alexa Schober, Salzburg

Veränderung.
Nach Hause kommen und wissen, wo es hakt, was am falschen Platz steht, das hat ja meist mit Umständen zu tun, denen man sich zuvor nur in Runden gewagt hat zu nähern oder von denen man immer wieder unsanft angestoßen wurde. Vor allem hat es ganz viel mit den Jahren zu tun, die schon gelebt und erlebt wurden. Mit Vergleichen und Rückschlüssen.
Und dann kommt der Tag, an dem du in kürzester Distanz und auf Augenhöhe davor stehst, vor dieser Veränderung.

Es könnte einer dieser Tage sein, an denen du zwischen zig Menschen auf einer Brücke stehst und dabei als einziger wirklich stehst, weil alles andere rundherum schwirrt und rennt und nach unten sieht. So ein Tag, an dem die Stimmen, Stimmungen und das Schlagen der Herzen von allen Seiten kommen und sich zu einem lauten Brei vermischen, der sich aus jeder Pore deines Körpers wieder rausdrücken möchte, ein Tag an dem dir jeder ansieht, dass etwas verrutscht ist und es dir dennoch endlich [!!] egal ist, was jemand wie an dir sieht.
Weil du stehst, direkt davor.
Wenn da keine Lust mehr ist auf Annäherungen in Runden, dann passiert plötzlich alles Neue auf einer direkten Geraden. Auf Augenhöhe. Dazu gehört auch der Mut, die Augen aufzumachen und hinzusehen.

Vielleicht konzentrierst du dich auf jeden Millimeter Epidermis der stand hält, hältst dich und all die kleinen Risse zusammen, spannst sie an, lässt sie los. Temperatur ist eine intensive Größe, die gehalten werden will. Die Hand an der Schläfe ist nur eine Zustandsbeschreibung, keine Charakterisierung. Auch das darf man sich merken. Es wird wärmer innen drin, ruhiger, ein bisschen wie Tau am Puls, den du dir schon so lange gewünscht hast.

„Und plötzlich beginnst du hektisch Dinge zu verschieben, umzuplatzieren, abzustauben, sie auf den Kopf zu stellen, probierst dich zwischenzeitlich im Handstand, nur, um die Perspektive zu wechseln, wirfst weg, was unnötig erscheint, verschenkst, was sinnvoll erscheint, verkaufst, verlegst, vergräbst, verbiegst (es, dich, sie und all die anderen) um schließlich damit zu enden, dass dir das Herz zum Hals heraus schlägt, die Tränen das Kinn herab fließen und die Füße den Bodenkontakt verlieren.“

Bodenkontakt beginnt im Kopf. Vor allem dann, wenn man dem Herz auch mal Gehör schenkt, es wahrnimmt, ihm dann die Hand reicht und handelt.
Für Bodenkontakt benötige ich auch immer wieder blanke Füße auf Erde und Stein. Offene Fenster beim Schlafen und die Gewissheit der Berggipfel meiner Heimat in greifbarer Nähe.
Geborgenheit.
GeBERGtheit.
Bodenkontakt beginnt manchmal auch mit einer Unterschrift. Und die habe ich heute gegeben, in vollster Vorfreude und auf Augenhöhe mit meinem Herzen.

Intrusion

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Sag ihm mal, dass er langsamer machen soll.
Mitten in der Nacht.
Und überhaupt. Ist ES ein ER oder vielleicht doch eine SIE? Können weibliche Wesen derart pumpen, dass es die Ohrstöpsel aus dem Gehörgang drückt?
Ja?
Dann frag sie doch mal, warum sie Bilder von früher, die sich unaufgefordert ins Bewusstsein schieben, an ihre Frequenz und Qualität knüpft.
Sieh hin, höre zu und frag sie!
Sind das wirklich alles deine Bilder oder hängt da noch jemand mit dran?
Scheinbar ist es nicht möglich, etwas zu betrachten, ohne es zu verändern.

Wenn du schlafen willst, sieh dir an, womit sie dich wachzuhalten versucht.
Dann sag ihr, dass sie langsamer schlagen darf.
Mitten in der Nacht.
Sie ist ein Muskel, ein sehr empfindsamer und gleichzeitig unendlich ausdauernd und stark.
Stark genug, um Bilder aus der Vergangenheit anzunehmen, ohne sich dabei zu überschlagen. Wichtig ist das Wollen, weit mehr als zu müssen.
Manchmal spaltet ein einziger Tag das Leben in ein Davor und Danach. Und im Laufe der Zeit werden solche Tage nicht weniger. Ghosts Of Memories, mitten in der Nacht, die dich wach halten.
Sie ist ein Muskel, der lernen kann und bewegt werden will.
Womit, das kannst du entscheiden.
Schau hin, hör ihr zu.
Trag sie raus, wenn nötig, gib ihr Luft.
Zum Atmen.
Sperr sie nicht ein.
Und dann sag ihr, dass es okay ist.
Es geht euch gut.
Ihr seid sicher.
Ihr beide liebt und ihr werdet geliebt.
Sie darf ruhig machen.
Und du darfst das auch.

Trotzdem oder gerade deswegen

Planet im Glas, Universum überall, Foto: Alexa Schober, Salzburg 2016

Und trotzdem oder gerade deswegen wird es echt. Als wäre der Februar so eine Art Bahnhof und der Januar seine unbeheizte Wartehalle, in der niemand gern bleibt und manchmal was verpasst. Diese leise Melancholie im Februar, nicht hysterisch, nur jedes Jahr anders. Vielleicht weil der Abschied im Dezember nicht gut genug war und dann soll das alles bitteschön im Januar nachgeholt werden, um letztendlich im Februar festzustellen, dass der Zug einfach schon abgefahren und der neue Jahresfahrplan schon längstens und wärmstens in Betrieb ist.
Gerade weil der Februar noch nie unter meinen Liebsten war, wird es echt. Samt seiner Vorhut, dem Januar, mit dem ich mir auch noch nie viel anzufangen wusste. Warten konnte ich noch nie gut, das hat sich meistens im Kiefer festgesetzt.

Beim stundenlangen Lernen und Schreiben und Lesen entdecken, dass zu viel Sorgfalt einhergeht mit Sorgenfalten, die sich nur im unbesorgten Freiluft-Aufenthalt wieder ausbügeln lassen.
Ich darf nur wollen. Intrinsische Motivationsfaktoren nennt man das, ziemlich unbestechliche Dinger, habe ich gelernt.
Überhaupt: Das Konzept des Well-Agings entdecken, statt diesem marketing-konformen Anti-Aging, weil eigentlich alles „Anti“ nur das verstärkt, was diesem Wort nachfolgt und weil das Altern nichts ist, wogegen man sich aufbäumen muss oder es überhaupt kann. Es bringt echt nix. Außer weiteren Sorgenfalten.

Den Sinn in der Enttäuschung beim genaueren Betrachten seiner Silben entdecken und lachen über die Zeit, all diese Zeit! Der Täuschung. Dessen, was ganz einfach nur war.
Die Theorie endlich auch mal in die Praxis umsetzen, Wissen allein hat noch niemals Berge versetzt, von „Loving What Is“ als Fußnote im Kopf hin zum Handeln im Angesicht derer, die mir im jeweiligen Moment vor der Nase stehen.
Jahrelangen Freunden ins Gesicht sehen und ganz plötzlich, wie vom Donner getroffen spüren, dass sie mich lieben, an mich glauben, mich nehmen, wie ich bin, ganz egal was gerade ist oder wie ich gerade bin. Die auch in Momenten da sind, zu denen Familienangehörige eingeladen sind, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Nicht wissen, wie ich mich dafür bedanken soll und spüren, dass es das gar nicht braucht. Nicht bei diesen Freunden, die mir die Welt bedeuten.
Von heimat- und kopflos Herumirren zum Ankommen, vom Studenten zur Fachkraft, vom Denken zum Tun, vom Spüren zum Annehmen.

Endlich.
Endlich! Mal wieder mit einem Glas Wein auf Augenhöhe etwas schreiben, wonach mir gerade ist, ganz ohne Zitate, Fußnoten und Querverweise. Schreiben und spüren, ob es sich stimmig anhört, ganz unabhängig vom Urteil und der Benotung anderer.

Verdammt, was für ein geiler Februar. Und das im Jahr 2017, wo doch eigentlich die 6 meine Lieblingszahl ist.
Ein Jahr mehr, ein Abschnitt weniger, unendlich viel Erfahrung, Hoffnung und Freu(n)de dazu.
Es kam, wie ich es mir vorgestellt habe, es kam, wie ich darauf hin gearbeitet habe, es kam, wie ich nicht aufgehört habe, an all das Rundherum und an mich zu glauben.
Und?
Es kommt echt und trotzdem oder gerade deswegen noch ganz viel mehr.
Wie schön.

Nullen und Einsen streicheln

Salvador Dalí, Streetart, Barcelona, Foto: Alexa Schober

Im Eingangsbereich eines McDoof in Salzburg stehen seit einiger Zeit so Riesen-Flimmerkastln herum. Smartphones im Ungetüm-Format. Dort soll ich meine Bestellung aufgeben, sagt mir eine streng verkabelte Mitarbeiterin. Zeigefingerdrückend, selbstverständlich, diese Pixel-Fenster mitten im Raum sind Touch-Displays, what else.

Nachdem ich eine gefühlte Dreiviertelstunde den richtigen Burger in der Auswahl suche, dauert das Auffinden großer Pommes nur mehr knappe 5 Minuten. Als das Kastl von mir wissen will, mit welcher Karte ich zahlen möchte und ich auch beim 2. Mal Nachfragen fingerdrückend (und mit steigender Gefahr einer Gelenkkapselverschiebung) darauf bestehe, BAR an der Kasse zu zahlen, steht an ebendieser erstmal niemand. Sparmaßnahmen, vermutet eine Synapse meines Gehirns. Die Maschinen übernehmen die Macht.. Außerdem verspüre ich den wachsenden Wunsch zur gründlichen Händedesinfektion nach Beendigung dieser Monster-Bildschirm-Streicheleinheit.

Als an der analogen Kasse am Tresen dann doch noch ein Mensch in meinem Blickfeld auftaucht und die Äußerung eines Grußes meinerseits aufgrund fehlenden Blickkontakts (oder mangelnden Interesses, wer weiß das schon so genau..) ins Leere trifft, nehme ich stillschweigend mein Wechselgeld entgegen, stelle mich brav und noch immer schweigend zum Warten zur Seite, um kurz darauf einen Burger und Pommes im Wert von 3,8.- noch schweigsamer zu verzehren. Ein kurzer Blick in die Runde der anderen Gäste, die neben dem Essen allesamt in ihre Taschenmonster blicken verrät mir nämlich, dass es hier auch keine Augen zu sehen gibt.
Oh schöne, neue Welt. Der Technologie.

Ja, okay, ich hab’s verstanden. Warum geh‘ ich auch da rein.
Im McDoof wollen sie halt auch nicht mehr miteinander reden.
Früher (vor gar nicht allzu langer Zeit!!) dauerte das „Hallo – was darf es sein?“ „Hallo, einen BigMac und Pommes zum Hier-Essen“ samt Zahlvorgang ganze 45 Sekunden. Etwas länger, wenn der Burger noch nicht fertig war. Und es gab ein paar Worte dazu. Zumindest Blickkontakt.
Heute braucht man das doch nicht mehr. Flimmerkastln sind Alleskönner, wozu die ewige Rederei. Und Personal lässt sich so auch noch einsparen.
Wunderbar.

Ich koche künftig Zuhause.
Viel! In einer richtig genialen Küche, die schon bald bekomme.
Und ich werde erst recht viele Menschen zu mir nach Hause einladen.
Menschen, die reden. Und zuhören. Und lachen. Und Blickkontakt ebenso lieben wie ich.
Menschen, die ihr Taschenmonster auch mal vergessen und die das überhaupt nicht stört.
Das ist der Plan.
Danke.

Um uns zu begegnen

Ich kann mich an Zeiten erinnern, da wurde mir mit monotoner Hartnäckigkeit gesagt, ich solle nicht immer alles anfassen, man schaue doch mit den Augen und überhaupt, warum ich das immer mache, man macht das doch nicht, alles mit den Händen „be-touchen“.
Und es ist auf meinen eigenen Mist gewachsen, dass ich daraufhin versuchte, mir das abzugewöhnen. So zu werden, wie „man“ mich haben wollte um möglichst zu gefallen oder wenigstens nicht mis-zufallen. Whatever. Auf meinen eigenen Mist, weil das nicht irgendwann in der Kindheit so war, sondern gerade mal ein paar Jahre hinter mir liegt. Es war meine eigene Entscheidung, mich solchen Aussagen anzupassen. Dass ich mich dabei nicht gut fühlte, schob ich auf den Umstand, dass mit mir wohl etwas nicht stimme.
Wie falsch ich doch lag..

Seit ich begonnen habe, meine Augen viel öfter zu schließen und Geräusche von außen auch mal einzudämmen, seit dem habe ich so viel mehr über das Leben und mich selbst erfahren, als jemals zuvor. Vor allem begann ich mehr zu spüren und erfuhr, dass die Welt, so wie ich sie sehe, unendlich viel mehr ist, als das, was mir meine Augen an Sinnesreizen vermitteln.
Das Innehalten und Staunen, mit offenem Mund und geschlossenen Augen. Das eigene Blut rauschen hören, und den Herzschlag, der es verursacht, das klappt am besten, wenn von außen nichts ans Ohr dringt.
Gerüche haben zuweilen Farben, manche Wörter ebenfalls, Texturen klingen auch mal im Bauchraum nach und am besten tun sie das, wenn man hineinspürt.

All jenen, die es ebenfalls lieben sich der Welt da draußen nicht auf nur einem möglichen Weg zu nähern, die es lieben, sie zu ertasten, erschmecken, sie zu fühlen und zu riechen, die gerne staunen und sich liebend gerne alle Zeit der Welt dafür nehmen, ganz egal wie weit der Mund dabei offen steht.
All jenen, die auch davon überzeugt sind, dass wahre Schönheit von ganz innen kommt und nicht abhängig ist von der Symmetrie eines Gesichts oder Gegenstands, allen, die leicht Gänsehaut bekommen und sofort losheulen können auch dann, oder gerade weil etwas so wunderschön ist oder sich so wunderbar anfühlt, denen sei der folgende Film wärmstens ans Herz gelegt:

Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie es ist, taub und blind zu sein. Weil ich es nicht bin. Dennoch konnte mich dermaßen hineinversetzen in diese Geschichte von zwei Frauen, die einander begegnen, dass dieser Film noch immer in mir nachklingt. Wie oft ich einfach weinen musste aufgrund der vielen, kleinen wunderbaren Momente in diesem Film, das lasse ich hier besser unzitiert.
Wer will behaupten, dass solchen Menschen etwas fehlt? Weil sie nicht gleich wahrnehmen wie der große Rest der Menschen. Tut es das? Was soll ihnen fehlen? Das, was andere sehen oder hören?
Vielleicht geht es nur um die Reaktion der Außenwelt auf diese Menschen. Die, wenn sie in einer Welt lebten, in der alle Menschen taub und blind wären, wohl kaum mit dem Etikett behaftet wären, dass sie „behindert“ sind. Sie würden diese Welt auf ihre Weise ebenfalls beleben und kämen niemals auf die Idee, dass ihnen etwas fehlte.
Was ist normal, was nicht, Normen, Standards, Abweichungen, diese ewige Frage..
Ich stelle sie mir weit weniger oft als in den Jahren zuvor. Weil es so viel einfacher, wärmer und schöner ist, Gegebenheiten und Menschen so anzunehmen, wie sie sind. Und im Idealfall etwas daraus zu machen. Eine gelungene Interaktion herstellen, Kommunikation ermöglichen, in der jeder so bleiben kann, wie er ist und sich dann auch noch wohl fühlt dabei.