Retina

Foto: Alexa Schober, Salzburg

Früher hatten wir Euphorie, jetzt fehlt uns manchmal der Mut.
„All die Menschen für immer“ stand mit Kugelschreiber auf den Handinnenflächen geschrieben und „die mit den heimlichen Herzen“ kritzelten wir kichernd in Geheimschrift darunter.
Heute erinnert und das Dauerblinken des Handys: Niemals vergessen zu sprechen, immer wieder schreiben und liken und posten und sharen, nur nicht aufhören damit, sich immer weiter darstellen, präsentieren, aufpolieren. Schön die Masken hegen und pflegen, Nähe mutiert zum trotzig zur Seite geschobenen Gefühl.

Und wenn wir diese blinkenden Geräte endlich zur Seite legen und verschnaufen müssen, die Finger etwas steif vom Rumdrücken und Wischen, das Herz ganz aufgeregt vom wiedergefundenen Atmen dazwischen, dann hat er mal wieder recht gehabt, der Bauch, dann wissen wir auch wieder, was es angestoßen hat.
Das sind diese Momente, in denen Veränderung so nah an an uns passiert, dass sich sogar die feinen Härchen auf der Handoberfläche aufstellen, Momente, in denen wir die Luft anhalten und trotzdem Schluckauf bekommen, weil so Leben geht, genau so und nicht anders. Ständig im Balanceakt unzähliger Dus, an denen wir immer wieder aufs Neue zum Ich werden und am Ende sind wir doch nur eine einzige Projektionsfläche entfernt davon, lachend mitgerissen zu werden. Eine Hand am Steuer, die andere im Wind – mitnichten auf fingerverschmierten Bildschirmen.

Diese Momente, in denen wir das Erwachsensein fühlen können, ohne Angst und Anti-Falten-Creme und ohne Seufzen oder Wehmut, sondern mit weit aufgerissenen Augen und glänzenden Handflächen. Unser Hunger ist noch lange nicht gestillt, es fängt immer gerade erst an, auch wenn es vorbeigeht. Neue Kapitel beginnen auch ohne vorangegangene Schlussworte oder schmucke Initiale zu Beginn. Vor allem aber beginnen sie außerhalb dieser verschwommenen Ränder am Bildschirm.
Im echten Leben, da draußen.
Früher hatten wir Ferien, heute schmieden wir wieder Pläne.

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Wadenkrampfartig

Wie das ist, immer auf der Hut zu sein.
In dem Glauben, eine prophylaktisch zugelegte Hornhaut unter adrett verzierten Stulpen könne helfen, den Ich-streife-nur-kurz-dein-Leben-um-dich-etwas-zu-lehren-Biss ins Bein besser zu verkraften.
Wie das ist, diese Last der Stulpen am Bein zu spüren, die vorangegangene Narben verdecken und die Schonhaltung im Gang kaschieren. Wenn demjenigen, der einem wichtig ist oder es werden könnte etwas dazu veranlasst oder veranlassen könnte sich plötzlich umzudrehen und wortlos wegzugehen.
[Ein Lied für die schönsten Konjunktive und Waswärewenns!]
Anstrengend.

Es ist anstrengend, bringt den Kopf zum Überlaufen und es nimmt so viel von der Zeit, die eigentlich nichts weiter als gelebt werden will.
Im Endeffekt vergisst man nie, wie das ist mit der Angst, wieder ins Bein gebissen zu werden.
Wadenkrampfartig.
Man versucht vielleicht sie abzuschütteln und so gerade wie möglich weiter zu gehen. Doch in Wirklichkeit funktioniert das so nicht und man macht sich zum Volltrottel wenn man versucht, dieses sabbernde, kläffende Ungetüm am Bein loszuwerden, indem man es einfach ignoriert oder noch mehr Stulpen zwischen sein Kiefer und das eigene Bein quetscht.
Eigentlich müsste man es in eine Seitentasche stopfen und leicht verwundert dreinschauen wenn Leute fragen, was da so trieft. Und die Schuld auf sich selbst nehmen, wenn es aus seiner Tasche heraus in Hände zwickt, die da hinein greifen. Einsehen, dass das mit der Routine und der prophylaktisch zugelegten Zweithaut noch nicht ganz so klappt, wie man das gerne hätte. Um dann zuhause dann mit den Türen zu knallen, damit dieses Ungetüm in der Tasche für ein paar Sekunden erschrickt und endlich die Klappe hält.

Wertes Leben, wenn es schon so ist, dass ich stets zu meiner vollen Größe wachsen darf, wie du immer sagst, dann darfst du mir nun auch mal etwas Verlässlichkeit und vor allem Beständigkeit zukommen lassen. Mein körpereigenes Wachstumsserum neigt sich dezent dem Ende zu, etwas Nachschub von außen wäre hilfreich.
Du darfst mich bitte auch jemandem begegnen lassen, der mich ansieht und sagt:
„Ich will dich. Genau so und keinen Deut anders. Und ich wünsche mir, dass du in meiner Anwesenheit immer die Freiheit verspürst, dich nach deinen eigenen Vorstellungen verändern zu können. Ohne der Angst im Nacken, ich wäre bei der kleinsten Abweichung vom Jetzt bereits wieder weg. Ich will, wenn du das auch möchtest, dich und deine Seele begleiten. Ganz egal wie du gerade bist und warum es dich an diesen Punkt gebracht hat. Ich will dich.“

Anachronismus

Salzburg, Sonnenaufgang, Foto: Alexa Schober

Diese zähe Angst, die sich nicht zerkauen und runterschlucken lässt. Die zu groß ist, um sie unter den Teppich zu kehren und zu diffus, um sie zu fassen, die einhergeht mit nassen Händen und einer randalierenden Faust im Bauch.
Angst, die sich im Kiefer einnistet und ihn zum Knirschen bringt, vor der man unverhältnismäßig viel Respekt hat, weil sie einen dazu bringen möchte, zu vergessen.
Wie es ist, ohne sie. Zu sein.
Wie es ist, mit ihr. Zu sein.
Wie es ist, hin- und hergerissen zu werden zwischen ihrer Annahme und dem Vergessen.
[Lieber diese Angst, als gar nichts?]
Wenn man Glück hat, fällt im richtigen Moment ein Stein vom Himmel und man erschrickt so sehr, dass man sie einfach ausspuckt, diese Angst. Sie abhustet.
Sie da liegen zu sehen, vor den eigenen Füßen, umrundbar und distanzierbar, sie als Prophylaxe einer möglichen Aspiration erkennen, das kann das Gefühl schon ändern.

Eine Vorstellung lässt sich auch nicht beliebig oft falten. Egal, wie groß sie ist. Das hat vermutlich mit Physik zu tun. Widerstand und Dichte. Oder so. Man muss aber auch nicht immer alles wissen oder verstehen. Für Schritte nach vorne braucht es meist nicht mehr, als den Blick bis zum nächsten [tragenden] Punkt.

„Wenn der Weg schön ist, wozu noch fragen, wohin er führt?“
Diese Frage trifft mich unvorbereitet und breitet sich gleichzeitig wie ein warmes Kissen im Nacken bauchwärts aus.
Ein großes Ja zum Jetzt.
Lieben was ist. Bei genauerer Betrachtung dreht sich das ganze Leben um diese 3 Worte, die sich so sanft, so schön niederschreiben lassen. Und sich leicht und richtig anfühlen, je tiefer ich darüber nachdenke. In jedem Moment das zu lieben und anzuerkennen, was gerade ist. Dennoch frage ich mich: Warum stößt sich meine die Praxis immer wieder daran?

Meditation kann helfen, den Geist, die Gedanken zu beruhigen. Alles da sein zu lassen, ohne es zu bewerten oder abzuwägen. Dem Gedankenkreisen liebevoll eine beruhigende Hand auflegen, um ihm dann eine Richtung zu vorzuschlagen.
Ältere, verwirrte Menschen, die sehr unruhig sind und mit ihren Gedanken zwischen einem erlebten Damals, nie ausgelebten Wünschen und einem imaginierten Morgen am Herumspringen sind, können in vielen Fällen sehr gut validiert werden. Man bestätigt sie in ihren Aussagen, man zeigt ihnen Akzeptanz und stellt die FÜR SIE richtigen Fragen – ungeachtet der Rationalität ihrer Aussagen und Handlungen.
VALIDIEREN.
Ich mag das Wort. Seinen Klang wie seine Bedeutung. Bestätigen, anerkennen, bekräftigen. Nichts anderes sollten wir uns selbst auch zuteil werden lassen. Uns selbst validieren, indem wir beobachten, was in uns vorgeht, ihm einen Raum und damit Daseinsberechtigung schaffen, denn nur aus einer Daseinsberechtigung heraus können sich Umstände oder Gefühle verändern. Oder weiter ziehen.
Wie oft geschehen Dinge in uns drin, ziehen Bilder und Gedanken durch uns hindurch, die wir ganz schnell wieder beiseite schieben? Am besten verstecken – um sich nicht dafür zu schämen? Es ist nur so, dass diese Gebilde immer wieder auftauchen – meistens dann, wenn man sie am allerwenigsten braucht.
Und irgendwann staut es da drin ganz gewaltig. Von all den Mitbewohnern, die eigentlich niemand haben will..
Die Sache mit dem Vergessen von Erlebtem oder nie zu Ende Gefühltem ist nämlich die, dass es nur eine gibt: Den Vorschlaghammer, aka totales Blackout. Für immer auslöschen, was war. [Wer will nochmal, wer hat noch nicht?]
Ist also nicht wirklich eine Option, diese Sache. Zumindest nicht für mich.
Sich weniger um die Zukunft sorgen, weniger Szenarien ausmalen, wie etwas passieren KÖNNTE – was für eine schöne Vorstellung, was für eine einfach erklärte Theorie. [Wer auch immer sich den Konjunktiv ausgedacht hat – er ist und bleibt eine rostige Mistgabel!]
Es gäbe vermutlich keine Kriege mehr, wenn alle das so lebten.

„Wenn der Weg schön ist, lass uns nicht fragen, wohin er führt“.
Vielleicht muss man trotzdem oder gerade deswegen genau hinsehen. Ein letztes Mal. Die Waswärewenns und alle Könnteabersoseins validieren, um so die Irrationalität der ihnen zu Gunde liegenden Auslöser zu erkennen. Diese Ängste und Befürchtungen als großteils von außen an uns herangetragene Schöpfungen erkennen um dann sagen zu können:
„Ja, so war es, und es tat weh. Aber ES WAR und ist jetzt nicht mehr so.“

„Und wenn der Weg danach noch immer schön ist,
dann lass uns wirklich nicht mehr fragen, wohin er führt.
Lass uns einfach gehen.“

Akkomodation

Barcelona Art, Foto: Alexa Schober

Wann hast du jemanden das letzte Mal berührt?
Ich meine so, dass sich dein Herz dabei überschlug und dann von der Brust bis in den Bauch geschmolzen ist?
Wann hast du dich das letzte Mal so in einen Bann gezogen gefühlt und dich derart im Moment verankert gewusst, dass du vergessen hast aufzupassen auf jede Regung in den Gesichtern der anderen und nur noch die Veränderung in der Größe der Pupillen deines Gegenübers wahrgenommen hast?
Vielleicht eben weil du dir vorgenommen hast dich dem Tag und seinem Rhythmus hinzugeben ohne ständig alles zu hinterfragen?
Wann war es, als du dich das letzte Mal so sehr im Moment angekommen fühltest, weil es da nichts zu interpretieren und hinterfragen gab?
Wie einfach das sein kann, nichts zu müssen und alles zu dürfen im Angesicht eines Menschen der so echt ist, dass da kein bisschen übrig bleibt, das irgendwo einzuordnen oder aufzunehmen wäre, weil man sonst Angst hat, es könne wo liegen bleiben.
Wann hast du das letzte Mal auf einem Berggipfel gesessen und dich etwas zu weit nach vorne gebeugt, warst irgendwann so dermaßen laut, dass du daneben auch noch vergessen hast, was du sagtest und nicht mehr wusstest, was alles geht und was nicht?
Wann?
Hast du den Verstand das letzte Mal ein Weilchen zur Seite gelegt?
Weißt du noch, wie dieser Tag geschah?
Wie er begann, wie er endete und warum genau du in dieser Nacht nicht schlafen konntest?
Wie schön das ist, sich so etwas zu merken.

Subjektpermanenz

Felswände, Foto: Alexa Schober, Salzburg

Mein Leben im Partizip und deines im Konjunktiv.
Wie du dich darin neu eingerichtet hast, will ich manchmal wissen und ob du dich dich auch wohl fühlst innen drin. Meine Neuausrichtung geht noch immer einher mit blauen Flecken und Narben, Falten gibt es auch ein paar neue, ebenso wie Lichtflecken und darin verblassende Stellen.

Deine Entscheidung bleibt nun schon lange meine Spekulation, es gibt dich nicht mehr als Vorbild, du bist niemand mehr, den ich zum Abgleich heranziehe, mit deinem Verschwinden ist auch die Vergleichsmöglichkeit verschwunden, in der es früher möglich war zu fragen: Was hättest du getan? An ihre Stelle sind Fragen getreten, deren Fußtritte am Anfang recht schmerzhaft waren weil ich so fest saß in der Identifikation und das Fehlen deiner Permanenz mir die Grundlage zur Anpassung entzogen hat. Was für ein Geschenk. Und weißt du was? Die Fragen kommen noch immer, nur ihre Anhaftung bleibt mittlerweile aus.

Mein Leben im Partizip und deines im Konjunktiv.
Ich habe dich losgelassen. Und zwar so, dass ich mittlerweile weiß, wie wenig Ahnung die Zeit hat von inneren Wunden. Und was das für eine wunderschöne, ihr innewohnende Eigenschaft ist, dieses ihr zugrunde gelegte Talent. Die Zeit hat keine Ahnung und ist frei von Gespenstern der Vergangenheit, sie macht einfach voran und kennt kein Vor und Zurück, sie lässt dich ganz einfach.
Sein, wo auch immer du bist.

So wie die Zeit weiß auch ich nie, was du getan oder gesagt hättest in diesem oder jenem Moment aber scheinbar ergibt es Sinn, manchmal kurz innezuhalten und dir in Gedanken zumindest Fragen zu stellen und dann in vollem Bewusstsein deiner Objektpermanenz die Antworten in mir drin wachsen zu lassen.
Die Zeit hat mit innerer Wundheilung wirklich nichts am Hut. Fragen und immer wieder Fragen, deren Antworten reifen dürfen, die Zeit, Raum und Stille bekommen, sie machen sich um Welten besser darin, diese Wunden wieder zu verschließen. Wusstest du, dass auch ihre Formulierung ganz entscheidend sein kann?

Ja und ob ich es gelernt habe, mich selbst zu umarmen in Momenten, in denen ich feststellen durfte, dass ich es hinbekomme. Das Leben ohne dich und den ganzen großen Rest, den wir uns ausgemalt haben, die Versprechen, die wir uns gaben.
Dann ist da auch noch die Vorstellung, du könntest davon wissen und eines Tages vor mir stehen und auch ich steh‘ dann ganz gerade, mit neu justiertem, inneren Gleichgewicht und ich kann dir alles zeigen und sagen, hier, schau, das hab ich alles alleine geschafft, das ist mein Leben, auch du hast mich hierher gebracht, mir durch deine Abwesenheit geholfen es zu tun, gemacht, dass ich all das sehen kann was schön und groß ist, also innen drin ganz groß ist, auch du hast durch dein Verlassen im scheinbar ungünstigsten Moment dazu beigetragen, dass all das noch nicht vorbei ist, ich mich immer und immer wieder neu ausrichte und auch heute noch einen kleinen Stich verspüre, wenn jemandes Stimme der deinen ähnelt.
Auch du, aber nicht ausschließlich, hast bewirkt, dass dort noch keine Hornhaut wächst, wo sie gar nicht hin gehört.
Mein Leben im Partizip und deines vielleicht doch nur als Mittelwort zur Vergangenheit, das noch immer bis zu mir hin reicht und im Laufe der Fragen auch immer mehr genügt.

Diese Vorstellung, du könntest davon wissen – eigentlich brauch‘ ich auch die nicht. Es geht nämlich auch ohne sie ganz gut weiter.
Aber hey! Darauf muss man auch erstmal kommen. Gedanken beobachten, ich mach‘ das im Schreiben. Mit all den Fragen im Kopf.. Manchmal müssen die Dinger ganz einfach zu Ende gedacht und auf Papier gebracht werden, sonst hauen sie nie ab.
[Bitte entschuldigt den Singular.
Ihr dürft euch natürlich beide angesprochen fühlen.
Müsst es aber nicht.]

Palpitation

herzenswert@gmail.com

Es ist schon verrückt.. Oder?
Vielleicht aber ist es das Normalste der Welt und wir haben es uns lediglich im Alter abgewöhnt. Mir passt noch immer das Herz aus der Kindheit!
Neulich stand ich vor dem Spiegel und begann mich davor zu drehen und plötzlich hat es sich mitgedreht während es jeden Zentimeter im Brustraum ausfüllte.
Es ist so unglaublich laut, manchmal fühlt es sich viel zu schnell an, dann wieder reagiert es blitzartig und kann sich in Sekundenbruchteilen beruhigen.

Vor einigen Jahren lernte ich, gezielt ruhig zu werden. Um wieder Kontakt mit ihm herzustellen, meinem Herzen. Es zu fühlen. Sie an der Hand zu halten.
Ich fühlte, wo es sitzt und immer sitzen wird, das Klopfen, das Pochen, manchmal das Hämmern und auch das Stolpern. Wo das hinführt, auch die Aussetzer und das Weiterpumpen, das Rein und das Raus, immer wieder weiter, unermüdlich. Die Dame macht kein Schläfchen, im Gegensatz zu mir. An ihr ist mein Murmeltier im Kopf spurlos vorübergezogen.

Ich fand es damals schade, dass wir nicht hineingreifen können, um mal nachzufühlen oder reinzuschauen. In diesen Brustkorb, der dieses wilde Etwas beheimatet. Heute weiß ich, dass es das gar nicht braucht, es muss nicht immer alles gesehen werden, damit es auch echt und wirklich da ist. Und auch ohne es gesehen zu haben, hat es mich schon jetzt unendlich viel gelehrt.

Dieses Herz aus der Kindheit mag sich nicht einsperren lassen. Hinter Normen, Regeln, Angewohnheiten und den Forderungen anderer. Dieses Herz denkt sehr zentriert, gleichzeitig kann es sich so Vielem da draußen öffnen, wenn es gesund ist und lebendig sein darf.
Ich dreh‘ mich also vor dem Spiegel und noch während mir eine Stimme ununterbrochen Dinge über mich und mein Leben in den Kopf zu hämmern versucht – das, was alles war, das, was noch kommen könnte, das, was zu tun ist um dies und jenes noch zu erleben – während all dessen beginnt dieses Herz aus der Kindheit ganz einfach zu tanzen, sich auszubreiten und mich ein klein wenig auszulachen.
Dieses ganz kleine Wenig war genug, um mal für den Bruchteil einer Sekunde diesen Firlefanz im Verstandestanz auszuschalten. Sie hat so viel Platz beansprucht, da war einfach nichts anderes mehr. Stille. Und ein Lachen. Für den Bruchteil einer Sekunde.
Es war ganz eindeutig mein lebendigster und wärmster Moment der vergangenen 2 Monate. Januar und Februar. Diese beiden mit Frostschutz aufpolierten Tiefkühl-Wartehallen. Worauf ich da warte, ist mir noch immer ein Rätsel..

Ja, das Gehirn ist sowas von machtlos gegen das Herz. Und dabei plappert sie noch nicht mal unentwegt, sie sagt nichts, sie lacht ganz einfach nur. Also noch nicht ständig, aber sie kann es und endlich spüre ich das auch wieder.
Jetzt wünsche mir ganz einfach immer mehr dieser Momente – bis sie sich in einer Endlosschleife der Lebendigkeit aneinander reihen.
Und schon weil es denkbar ist, weiß ich, dass es auch machbar ist.
ALLES.

Büchsenmacher

Alexa Schober, Salzburg 2017

„Dein Gesicht ist ruhig. Ich kann mit dir reden, ohne ein Gefühl der Anstrengung. Oft gibt es Gesichter, die mich anschreien, auch wenn ihre Stimmbänder schweigen.. Sie sehen mich an und meistens sind es ihre Augen und die Bewegung der Muskeln, die mich zu etwas auffordern, die etwas wollen. Bei dir ist das nicht so. Dein Gesicht ist ruhig.“

Das waren neulich meine Worte zu einem Menschen, den ich noch nicht lange kannte. Sie purzelten sogar für mich etwas unerwartet heraus.
So etwas geschieht mir immer öfter. Dass ich Dinge direkt sage, die irgendwo in meiner Körpermitte entstehen und hinaus wollen. Noch bevor ich darüber nachdenken kann, ob das nun angebracht ist oder nicht. Und ich fühle mich ganz wohl damit. Auf jeden Fall entsprachen diese Worte meiner eigenen Wahrheit.

Der Alexa ins Gesicht Mikrofon schreien. Sie auffordern, etwas zu tun.. Es ist ja leider nicht mehr aufzuhalten. Ich hätte vor Jahren schon ein Namens-Patent anmelden sollen, falls sowas überhaupt möglich ist.
Eine neue Arbeitskollegin hat mich vor kurzem beim Vorstellen gefragt, ob ich die Alexa wäre, die den Kaffee macht, wenn sie laut genug danach verlangt. Mir lag bereits auf den Lippen, dass ich lautes Geschrei allgemein nicht so gut wegstecken kann, als es mir dann schoss.
Alexa.
Amazons Ich-Mach-Alles-Was-Du-Sagst-Wunderwuzzi in Blechbüchsenformat.
Ich trage diesen schönen, griechischen Namen nun bald 4 Jahrzehnte lang, diese vernetzte Amazone tut es gerade mal 2 Jährchen, wenn überhaupt.

Es ist schon zum Schmunzeln. Unwillkürlich frage ich mich, wie viele meiner Exen (ja, ich würde hier auch lieber im Singular schreiben – ist aber nicht..) sich liebend gerne so eine Amazon-Sprachassistentin zuhause hinstellen würden, dennoch zögern, weil es da eben noch diese Assoziation mit mir gibt? Wer von ihnen holt sich aufgrund der Namensgleichheit lieber Apples Siri oder favorisiert das etwas zäh klingende „Ok Google“? Was für Gefühle tauchen auf? Angenehm oder unangenehm? Mit einem Lächeln im Gesicht oder doch mit nach oben verdrehten Augen?

Ich kann’s nicht sagen, schade eigentlich. Man mochte sich doch mal ganz gern, dann irgendwann nicht mehr so und ich frage ich mich, warum eigentlich die nicht so schönen, gemeinsamen Erinnerungen viel länger nachhallen, als alles, was gemeinsam als freudig und harmonisch erlebt wurde. Zählt nicht das Gute viel mehr?
Es ist eine Frage der Einstellung. Der Prioritäten, vermutlich. Schön, dass ich die selber setzen darf und nichts so bleiben muss, wie angenommen wird, dass es zu sein hat.

Jaja, all diese Fragen. Vielleicht weiß Alexa im Blechbüchsenformat Antworten darauf.
Bei dem Gedanken muss ich laut auflachen. Vielleicht sollte ich mir auch so eine zusätzliche Alexa ins Haus holen. Zu den anderen Alter Egos, die hier zuhause schon rumlaufen. Etwaige Selbstgespräche bekämen eine äußerst unterhaltsame Zusatzkomponente. Man stelle sich vor, es käme tatsächlich eine Antwort auf eine meiner zahlreichen Warum-Fragen. Es wäre allerdings keine Antwort aus meiner Mitte, sondern straight aus dem www. Und schon weiß ich, dass ich das ganz sicher nicht will. Vermutlich kann Dosen-Alexa mit Warum-Fragen gar nicht umgehen. Befehle dürften ihr geläufiger sein.

Wettervorhersagen. Einkaufslisten schreiben. Jalousien hochfahren. Meine Lieblingsmusik abspielen. Das Licht einschalten. Lieblingsmenschen anrufen (die ich doch lieber live sehe als nur zu hören..). Sag es Alexa und sie macht es.
Also ich weiß nicht.. Braucht man das wirklich? Ich kann das eigentlich alles ganz gut selbst. Mit diesem Körper und dem Verstand, der mir gegeben wurde. Aber sie wollen uns das alles gerne abnehmen. Um uns besser kennen zu lernen. Und um uns dann noch exalter zu sagen, was wir alles noch kaufen sollen, damit wir glücklich werden in unseren Leben. Wobei sie das ja auch nicht WIRKLICH wollen, denn dann bräuchten wir womöglich nichts mehr, also beißt sich die Katze in den Schwanz. Bzw. assoziiere ich plötzlich das Wort „Waffe“ mit diesen, den Alltag erleichternden Assistenten aus dem Netz..

Alexa kann all das da oben genannte.
Ich, Alexa Schober, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ebenfalls. Und ich traue mich hier anzufügen, dass ich Dinge kann, die Dosen-Alexa in ihrer Assistenz sicher nicht kann.
Ich kann Gesichter lesen und die Emotionen, die sich in ihnen ganz oft verstecken. Ganz ohne Verwendung der Stimmbänder, ganz ohne dem Ohr vernehmbarem Geschrei. Ich weiß oft, wann Gesichter laut sind, während ihre Stimmen schweigen. Und manchmal weiß ich auch, WAS sie mir sagen wollen in ihrem Schweigen.
Ja, es strengt mich an, es kostet Energie, manchmal ist es viel zu viel – vor allem, weil ich den sofort auftauchenden Handlungsimpuls nicht immer unterdrücken kann – und zugleich ist es auch eine wunderbare Gabe, die ich schätze. Es kommt eben auf die Situation an.

Jetzt taucht noch ein lustiger Gedanke in mir auf: „Erzähl’s deinem Frisör“ wird vermutlich auch eine pointierte Zusatzkomponente erhalten. Dann nämlich, wenn sich Friseure künftig denken: „Erzähl den Schmarrn doch bitte deiner Alexa zuhause“.
Sprachassistenz also.
Der künftige Mega-Hype, der dennoch nicht ohne Strom und www auskommen wird. Wozu noch miteinander reden und sich gegenseitig um etwas bitten..

Ach, sollen sie zuhause auf ihre Alexas im Befehlston einbrüllen, soviel und solange sie möchten. Ich bevorzuge auch weiterhin die Stimme in mir und echte Gesichter direkt vor meiner Nase, mit deren Augen ich reden kann. Augen, die auch mal entspannt sind und mich anlächeln, ohne etwas zu wollen. Ein bisschen zum Reinlegen und Ausruhen. Ja, genau das finde ich schön und wertvoll.
Ich weiß, dass es das gibt und ich weiß auch, dass ich genau das jemand anderem geben kann.
Beat this, liebes Amazon-Blechbüchslein!
;)