Trittschalldämmung

Holz, Foto: Alexa Schober, 2019, Salzburg.
Freundschaften zu speziellen Menschen in meinem Leben, ich bemerke, wie sie immer mehr an Bedeutung gewinnen. Und das, wo wegrutschende Füße, die dann wieder mit Hilfe dieser Menschen zu montieren sind, nicht mehr zu den dringlichsten Routinen meines Lebens gehören. Vielleicht fällt es mir gerade deswegen so auf. Diese immer wieder neu montierten Füße, sie stehen unter anderem auch deshalb im Gleichgewicht, weil die Füße meiner Freunde felsenfest daneben stehen. Damals und noch immer. Die Menschen, die einem am nächsten sind.. Ich denke an sie und muss unwillkürlich lächeln. Jedes einzelne Mal.
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Ich bin fern ab von dem Gedanken, dass es nur die Familie ist, auf die man sich im Leben verlassen kann. Und überhaupt – wer definiert, was Familie ist? Wer alles dazu gehört? Die Gesellschaft? Was, wenn man diese Entscheidung einfach in sich und im Herzen trägt?
Wege trennen sich zuweilen, auch wenn man die gleichen Gene trägt. Nicht immer, aber manchmal tun sie das. Und Biologie besticht meist auch nur in Lehrbüchern durch ihren vorbildlichen Charakter.
Wie definieren sich Menschen, die einen nach etlichen Jahren, manche auch nach kurzer Zeit schon, immer wieder ansehen, nachfragen, zuhören und nicht locker lassen? Jene Menschen, mit denen ich mich auch mal streiten kann, ohne kaputt zu gehen. Weil sie bleiben. Hinsehen. Und nicht loslassen. Mit denen ich lachen kann in Momenten, die sonst kein anderer Mensch versteht und deren Anwesenheit selbst einer wortlosen Gemeinsamkeit mehr als genügt.
Menschen, um die ich mir zuweilen auch einen Kopf mache, ohne mich in der Panik einer Verlustangst zu verlieren. Die ich auch mal vermisse in dem Wissen, dass uns das Wollen wieder zusammenführen wird.
Menschen, neben denen ich sein kann, wenn die Umstände besonders beschissen oder besonders wundervoll sind, in jedem Fall extrem und so, dass man nicht jeden aushält in der eigenen Nähe. Ich sehe, wie viel mehr Zeit ich eigentlich bräuchte, um noch mehr zu erfahren von ihnen, und gleichzeitig haben wir allesamt nicht besonders viel davon und treffen uns dennoch in diesem Verständnis.
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Freunde als selbst gewählte Familie ohne Zwänge. Freunde als selbst gewählte Lieben. Freunde als Lieblingsraum, dem man sich widmen darf, weil er sonst Staub ansetzt oder man ihm entwächst.
Freunde als Wachstumsschub, wenn man es hin bekommt, sich nebeneinander zu entwickeln, zu stützen und zu schützen, ohne sich einzuschränken, zu verletzen oder zu entblößen.
„Geh, wenn du willst, es ist egal, wo du bist, wenn du wieder kommst, werde ich hier sein für dich.“
Worte, deren Bedeutung mir noch nie so klar waren wie heute.
Freunde, deren Platz schon all die Zeit glänzt, da bin ich mir sicher, diese Zeit wird nicht anlaufen, dafür waren und sind diese Verbindungen zu sehr, wie sie eben sind. Denn gerade hier schaut man nicht nur auf das, was nicht ist oder nicht funktioniert, nicht zu sehr auf Verfehlungen oder das Ungewollte. Sondern auf all das, was da und gut IST. Man nimmt sich gegenseitig so, wie man ist und arbeitet nicht mit Beton, niemals mit Beton. Steine sind zwar auch okay, wärmende Stabilität gibt es aber meist nur auf Holz.
Wir stellen die Füße nebeneinander und das ist so viel, zu jeder Zeit.
Ihr wart und seid mir immer viel mehr als nur genug.
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Freifahrt


Es beginnt ganz unten im kleinen Zeh.
Du streckst und schüttelst ihn, aber es lässt nicht ab von dir, es wandert unbeirrt weiter.
Nach oben.
Deine Waden entlang zu den Knien, deren Konsistenz dich unwillkürlich an Butter denken lässt. Das Gefühl taumeln zu müssen überkommt dich. Aber du fällst nicht.
Du hältst dich, es hält dich.
Ein Lachen befreit sich aus deiner Brust, das dich in eine Krümmung biegt, derer du dich niemals imstande geglaubt hättest.
Du lachst weiter, richtest dich auf, drehst dich um, schaust suchend, siehst es nicht, fühlst es dennoch und wunderst dich, staunend.
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Dann beschließt du für einen Moment die Perspektive zu wechseln.
Auszusteigen, um dich mit verschränkten Armen und kopfschüttelnd aus einem halben Meter Entfernung selbst zu betrachten. Siehst dir an, wie es mit dir macht, was es will. Machtlos bist du, aber es fühlt sich gut an und erneut verhaken sich deine Mundwinkel hinter den Ohren.
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Wenn es sich dann wieder auf den Weg macht, weiter hinauf, siehst du zu, dass du wieder Platz in dir findest. Eventuell schnallst du dich an, bevor es den Bauch erreicht. Weil du weißt, dass dort die Achterbahn wartet, an der gerade Freifahrten verteilt werden. Lachend ringst du um Luft und möchtest es mit Nachdruck hinausschreien, aber es bleibt und lässt sich nicht davon abhalten, weiter zu wandern.
Nach oben..
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Und noch während du prustend versuchst die Luft anzuhalten, um nicht zu verraten, wo sich dein Herz befindet [weil niemand außer dir selbst den Takt angeben kann, darf, soll??] tut dieses einfach einen Sprung. Setz für den Bruchteil einer Sekunde aus, um dann langsam – aber unaufhörlich und sicher – immer schneller zu schlagen.
Während all dies geschieht, bleibt dir nichts anderes übrig, als dich hinzugeben. All dem und noch viel mehr, von dem du jetzt noch nichts weißt.
Und diese warme, pulsierende Verbindung aus Energie zu spüren, die jetzt ungehindert vom keinen Zeh bis zu den Haarspitzen strömt.
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Leben.
Jeden Tag aufs Neue.
Unglaublich, was es da alles zu er-leben gibt.
Vor allem, wenn man sich mal gedankenlos, aber voller Gefühl drauf einlässt.
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Sexy [dot com]

Foto: Alexa Schober.
Beziehungen sind konfliktgeladen, weil Konversationen zu LOL- und Smiley-Chats mutieren, Argumente in Sprachnachrichten verpackt werden und Gefühle zu Status-Updates verkümmern. Und inmitten all dieses Binärcode-Gedöns haben wir gelernt, die Stille in uns tot zu schreien..
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Ich liebe Kommunikation. Und ich habe gelernt, dass sie am besten gelingt, wenn ich zuallererst verständlich und klar mit mir selbst kommunizieren kann.
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Ist es denn wirklich ein derart schwieriger Akt, sich selbst zuzuhören?
Ohne Werbeunterbrechung, Nachrichten aus aller Welt oder digitaler Sprachfetzen auf Fünfzöllern. Es wird mich nicht wundern, wenn künftige Generationen mit leicht angeeckten Pupillen zur Welt kommen. Vielleicht lässt sich so auch noch das Blinzeln während des Bildschirmstarrens vermeiden, um etwas Zeit einzusparen.
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Mir fällt immer mehr auf, wie weit sich unsere Gesellschaft weg bewegt von einer notwendigen Stille, die es braucht, um den Kontakt mit sich selbst herstellen zu können.
Unsere heutigen, sich fortwährend weiter entwickelnden digitalen Kommunikationstechnologien sind sicher ganz großartige Errungenschaften in Sachen Vernetztheit und Beschleunigung von Arbeitsprozessen.
[Ein bisschen schneller und effektiver geht doch immer, schließlich gilt es, die Taschen einiger Weniger am oberen Ende dieser Gesellschaft stetig zu füllen.]
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Diese Kommunikationstechnologien diktieren unser heutiges Leben wie noch kein anderes Medium zuvor. Und sie separieren uns – trotz all der Vernetztheit und Überbrückung von Distanzen.
Wir kommunizieren – und sind währenddessen dennoch so einsam wie nie zuvor. Es bimmelt an allen Ecken und Enden, News-„Updates“ laufen auch auf unseren Uhren ein und wenn es jemanden interessiert, der kann auf Facebook mitverfolgen, welche Strecke Frau Nachbarin für ihren Morgenlauf gewählt hat (wie lange sie dafür gebraucht hat und wie viele Kalorien ihr noch fehlen, um die ersehnte Bikinifigur zu erhalten). Wen auch immer das interessiert.
Das Triviale daran: Das tut es in den meisten Fällen auch nicht – also jemanden WIRKLICH interessieren. Dennoch schauen wir hin, weil es eben aufpoppt. In dieser Timeline.
Das Ego sucht kontinuierlich nach Reizen, während die Seele um Stille und Muße fleht.
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Wir liken. Schönheiten, die man vermutlich mit einem feuchten Tuch abwischen könnte, wenn Photoshop und die unzähligen Foto-Filter-Apps noch aus Pinsel und Papier bestünden.
Und wir schreiben.
Kommentieren.
Verkürzt und abgehakt.
Vor allem und meistens aber: Von der Couch aus. Manchmal inkognito, ist ja auch bequemer so und Mut muss man dazu auch nicht wirklich aufbringen.
Glauben uns eingebunden und sitzen in Wirklichkeit vor fingerverschmierten- Retina- Oled- oder Wasweißichwasfür- Bildschirmen.
Fernseher an, Radio an, Telefon immer am Netz, Kopfhörer im Ohr. Hauptsache keine Stille, die könnte unter Umständen unbequem (fürs Ego) werden.
Warum eigentlich?
Warum scheinen sich so viele Menschen vor sich selbst und ihrer inneren Stimme zu fürchten?
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Was haben wir eigentlich früher mit all der Zeit gemacht, in der wir nicht auf Displays gestarrt haben? Waren wir einfach da – im Moment – ganz bei uns?
Vielleicht sogar am Träumen und Ausmalen von Möglichkeiten? Waren wir nicht auch mal kreativ ohne all die neuen, digitalen Hilfsmittel?
Und war das nicht um Welten echter als das, was wir heute täglich von uns geben oder konsumieren?
Oder noch viel wagemutiger – war da vielleicht sogar mal ein anderer Mensch, den wir mittels all unserer Sinne und ohne Ablenkungen wahrgenommen haben?
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Kommunikation funktioniert auf keiner singulären Ebene. Und schon gar nicht auf einer rein digitalen. Zu gelungener Kommunikation gehört meines Erachtens zuallererst die Fähigkeit zur Empathie. Des Mich-Einlassenkönnens auf mein Gegenüber. Das Reinspüren und wirkliche Zuhören.
Um das zu erfüllen, muss ich zunächst die Fähigkeit besitzen, auf mich selbst eingehen zu können. Der Zugang zur eigenen Gefühlswelt und deren bewusste Reflexion sind unabdingbare Voraussetzungen gelungener Kommunikation.
Zudem besteht Kommunikation aus ganz vielen weiteren Kanälen, die alle zusammenfließen. Mimik, Gestik, Haptik, olfaktorische Wahrnehmung, das Timbre der Stimme, die Sprache an sich, ihre Geschwindigkeit, der Kontext, in den man mit seinem Gesprächspartner verwoben ist, die eigene Geschichte, die man trägt, die Annahme einer Geschichte des Anderen usw..
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Ich könnte hier noch ewig weiter schreiben zum Thema Kommunikation. Will ich aber nicht. Ich schließe diesen Beitrag mit Worten, die mir in letzter Zeit immer wieder durch den Kopf gehen:
„Weißt du, was ich wirklich sexy finde?
Eine richtige Konversation.
Von Angesicht zu Angesicht.“
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Mit Nachdruck

Blaueis, Hochkalter, Schärtenspitze, Berchtesgaden, Hintersee, Bayern, Foto: Alexa Schober, Salzburg 2019.
Sich mittendrin der Vorstellung hingeben, den Sommer ganz einfach woanders zu verbringen. Ganz egal, was da momentan an- vor- oder kopfsteht. Es einfach tun, sich auf den Weg machen um dann mit leichterem Kopf zurück zu kommen. Damit die Umstände, die man schon kennt aus den Jahren davor, abgelöst werden nicht nur von ihresgleichen, sondern von allem. Weil sich Gefühle manchmal so ineinander schieben, dass der Kopf, abends im Bett, in dieses ohrenbetäubende Rauschen fällt, weil das Herz derart klopft wenn man nicht weiß, woran man zuerst denken soll.
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„Alle Knöpfe gleichzeitig drücken ist Neustart“, wird oft gesagt. Was aber, wenn ich beschließe es genau anders rum zu machen? Einfach so, um zu sehen was geschieht? Nichts und niemanden mehr zu drücken, sondern es einfach sein lassen wie er/sie/es ist? Einige kluge Köpfe haben bereits festgehalten dass es Wahnsinn sei, immer dasselbe zu tun und dennoch andere Resultate zu erwarten. Trotzdem (oder gerade deswegen?) tun wir es, da in der Wiederholung von Bekanntem auch eine Art Hinwendung steckt, derer wir uns nur ungern entziehen. Aber genau das wird weniger im Lauf der Jahre. Es fällt mir immer leichter, Dingen ihren Lauf zu lassen. Einfach nur um zu sehen, was passiert. Das Zaudern auszuhalten ohne Exit-Strategie.
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„Komm, wir treffen uns“ war damals immer das Versprechen, eine gewisse Zeit miteinander zu verbringen. So richtig miteinander. Anwesend sein. Weil die Anwesenheit des anderen Grund genug war für das Teilen gemeinsamer Zeit. Ohne Plan, vielleicht essen, vielleicht sitzen, vielleicht lesen oder irgendwohin gehen, etwas tun oder auch nicht. Maximale Momentorientierung, statt der heute scheinbar omnipräsenten Frage nach dem „Und was kann ich da für mich rausholen?“
Manchmal haben wir einfach nur rumgelegen in einer Wiese am Berg, die Anwesenheit des anderen beruhigend wahrgenommen während die Sonne immer längere Schatten zu zeichnen begann.
In solchen Momenten dachte ich oft, das ist das Leben, so wird es später immer sein, so ruhig und dass man sich keine Sorgen macht, jedenfalls nicht solche, über die man sich den Kopf zerbricht. Und wie ich mich daran gewöhnen konnte, bei einem Menschen ganz da und ich sein zu dürfen, das ging damals ganz leicht.
Ich möchte manchmal schon wissen, ob es an mir lag oder an dem Menschen, mit dem ich diese Zeit verbrachte. Dass es okay war immer alles zu sein, was ich gerade war. Und umgekehrt. Ohne dieser lähmenden Angst im Nacken, der andere wäre bei der kleinsten Abweichung des gemeinsamen Plans wieder verschwunden. Welcher der danach gedrückten Knöpfe war es, der das alles veränderte?
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Ruhepuls

Hintersee, Bayern, Richtung Hochkalter, Foto: Alexa Schober.
Was machst du?
Wenn es sich festgebissen hat.
Trägst du es mit dir herum, schleppst es durch den Tag und schläfst darauf in der Nacht, sodass du am Morgen mit Schräglagen aufwachst, die nirgendwo hingehören, dir aber aus früheren Tagen bekannt sind und meistens nur durch einen ordentlichen Rumms gegen die Wand ausgleichbar sind?
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Machst du das wirklich?
Noch immer?
Oder nimmst du es mit und versuchst es zu ignorieren, dann redest du mit ihm, beschimpfst es vielleicht, fragst, was das Ganze soll, obwohl du die Antwort schon kennst, da ist diese vage Hoffnung, sie könnte nur einmal anders ausfallen.
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Was es gut kann, ist kraftvoll zubeißen.
So sehr, dass du dich manchmal setzen musst, damit es weitergehen kann.
So sehr, dass du dich manchmal sogar hinlegen musst, damit es weitergehen kann.
So sehr, dass manchmal beides nicht genügt und du unbedingt stundenlang wo rauf gehen musst, damit sich die Perspektive wieder ändert.
Wenn keine Berge in der Nähe sind, kletter auf Bäume..
Sie halten dich auch.
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Und wenn es doch wieder zubeißt, sag mir, was machst du dann damit?
Redest du ihm gut zu, versuchst du es mit warmen Kissen oder singen, wärmenden Pflastern oder Versprechungen, von denen du nicht weißt, ob du sie halten kannst? Wie stellst du es an, dass du nicht permanent deinen Arm schütteln musst, deinen Kopf, deine Schultern, damit es loslässt?
Wie schaffst du es, deinen Herzschlag wieder runter zu holen?
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Gefühlsvarianz

Fuschlsee, Hof bei Salzburg, Foto: Alexa Schober.
„Es tut mir leid, dieses Gefühl ist bei uns nicht gemeldet.“
„Ja, das hat Ihre Kollegin auch schon gesagt, aber es verschwindet einfach nicht und ich dachte, ich frage mal nach ob Sie vielleicht wissen,..“
„Ich? Woher soll ich das denn wissen? Okay warten Sie, da gibt es vielleicht noch etwas, wo ich schauen könnte“
„Was wollen Sie scheuen?“
„Nicht scheuen, SCHAUEN! Warten Sie doch..“
„Worauf denn? Jeder hier sagt mir, dass ich bitte warten soll!“
„Wie wir das kategorisieren können. Sonst gibt’s keinen Antrag.“
„Antrag?“
„Na, auf Einbürgerung.“
„Wie bitte was?“
„Oder ist es nur auf Urlaub?“
„Ich bin mir da nicht ganz sicher. Momentan sieht es nicht so aus. Es hat schon seinen Rucksack ausgepackt, alles liegt verstreut bei mir herum.“
„Wunderbar, das hilft schon mal. Haben Sie noch weitere Hintergrundinformationen?“
„Nein, nicht wirklich..“
„Könnte es Wut sein?“
„Nein, dafür ist es zu still. Aber es versteckt seine Sachen und ich bin dann ständig mit Umschlichten beschäftigt.“
„Das sollten Sie lieber mal lassen. Am Ende gewöhnt es sich daran.. Glauben Sie, dass es sich um Angst handeln könnte?“
„Manchmal?“
Manchmal, manchmal. Ein Formular für ‚manchmal‘ haben wir nicht. Wenn das hier in eine dieser Schubladen passen soll, dann müssen Sie schon etwas konkreter werden.“
„Entschuldigung.. Ich denke, das bringt nichts. Wir gehen besser wieder..“
„Kommt gar nicht in Frage, jetzt hauen Sie nicht ab. Und das Gefühl bleibt hier auch noch schön sitzen. Wir haben uns ja noch gar nicht richtig angesehen.“
„Okay..“
„Es hat auch ein bisschen was von Traurigkeit, sehen Sie?“
„Mag sein, ja..“
„Jetzt schauen Sie doch endlich hin!!“
„ICH SCHAUE DOCH! Den ganzen Tag mache ich nichts anderes! Und wenn ich das mache, dann verlegt es noch mehr Dinge, die ich dann wieder suchen muss!!“
„Bitte werden Sie nicht laut hier.. Gut. Ich glaube, das ist Gefühl 62a.“
„Kann das was?“
Sagen wir mal so. Wenn das übermorgen auch noch da ist, müssen Sie nochmal kommen. Ansonsten erledigt sich das von selbst.“
„Aber wieso sollte es ausgerechnet jetzt verschw..“
„Ich würde mal sagen, ich schicke Sie jetzt zu meiner Kollegin. Gefühl 62a ist nun wirklich nicht meine Abteilung, dafür bin ich nicht zuständig. Alle Einzelheiten und möglichen Abweichungen machen Sie bitte mit ihr aus.“
„Aber die hat mich doch zu Ihnen geschickt?!“
„Der Nächste bitte!“
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Gefühlsbürokratie.
Kann man, muss man aber nicht.
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Kontrafaktisch

Foto: Ariane Pellini, 2019 http://tonfrau.at/
Foto: Ariane Pellini, 2019
http://tonfrau.at/

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Auch eines jener Dinge, die jedes Jahr dazu gehören. Jetzt wird wieder über das Wetter geschimpft, über die Kapriolen und warum das alles nicht etwas ausgeglichener sein könnte, scheinbar macht man das so. Wie das Schimpfen auf den öffentlichen Nahverkehr, das Schimpfen über Menschen, die zu langsam funktionieren und Autos, die zu schnell fahren. Also wird auch über das Wetter geschimpft, weil das Wetter es einem sowieso nicht recht machen kann.
In Wirklichkeit ist er ganz einfach so, der Frühling.
Neues kam noch nie ohne vorhergehendem Getöse in der Verabschiedung von Altem. Er war nie anders, dieser jährliche Frühling. Heuer schon im Februar, wie ein zwinkender Gruß nach 2 Monaten sintflutartiger Schneefälle. 2019 hüllte sich zu Beginn in einen riesigen, weißen Mantel erdrückender Stille, der nun mit viel Lärm aufbricht.
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Frühling ist ganz einfach so, da kannst du dich auf den Kopf stellen, du wirst trotzdem nass, dir friert, überall kommt der Dreck zum Vorschein und zwischenzeitlich rinnt dir in der prallen Sonne der Schweiß den Rücken hinab. Frühling ist Übergang und darüber schimpft man eben, weil Übergang auch Unklarheit bedeutet und Überraschung und Unvorhergesehenes und Abschied und auch mal Ent-Täuschung, aber eben auch Anfang und Sortieren und Loslassen und Zurechtstutzen, danach Säen und Wässern und nicht mehr so viele Pullis übereinander tragen, jedenfalls nicht mehr jeden Tag..
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Übergang ist auch immer herumwurschteln, aus den Wolken fallen und sich gewöhnen. An neue Menschen, neue Verpflichtungen, an Uhrzeiten, Jahreszahlen und Altersangaben.
Dem Frühling ist das alles herzlich egal, er kommt jedes Jahr wieder und wir täten gut daran uns vor Augen zu halten, dass wir nicht unendlich viele von ihnen erleben. Zumindest nicht in diesem Körper.
Wir werden das Wie nicht ändern können, auch nicht mit Tiraden, aber wir haben unsere Reaktion darauf selbst in der Hand.
Wir glauben so oft zu wissen, wie etwas zu sein hat.
Und vergessen dabei zu sehen, wie es ganz einfach ist.
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