B-Koordination

Geo-Koordination. Salzburg. Foto: Alexa Schober

Wie das ist, anzukommen wenn noch nicht alles fertig ist. Einhergehend mit der Frage, wann etwas fertig zu sein hat und wer das definiert, um schlussendlich wieder einmal zu kapieren, dass niemals irgendetwas oder jemand fertig ist und sich alles einem stetigen Wandel unterzieht.

Ankommen ist immer anders, es gibt kein Rezept und keinen Anfahrtsplan, Kartenupdates sind sowieso zu vernachlässigen. Und auch diese GPS-Dinger können nicht mehr, als dir in Zahlen zu sagen, wo du gerade stehst. Wie du da stehst, bist, dich fühlst und warum es dich dahin geführt hat und wohin du warum als nächstes gehst, das ist noch immer etwas, das sich dieser Welt des digitalen Dauerflimmerns entzieht.
Ankommen. Und sich gleichzeitig das Weitergehen erlauben, das kann man können. Und wenn nicht, kann man besser darin werden. Man darf in der Lage sein zu sehen und aufzunehmen, die Poren aufsperren, einen Platz finden und dann ankommen, also sich auch mal zurücklehnen und nur da sein. Ganz egal, wie der Platz rundherum gerade aussieht. Wie chaotisch und unsortiert das alles ist. Weil es wirklich egal ist. Im Sinne von wurscht.
Zu sagen, dass es dauert, das ist auch so eine Sache, die ist von Ort und Mensch und Zeit und Blutdruck und Wetter abhängig, von dem, was vielleicht woanders zurückgelassen wurde und was doch nicht, manchmal geht sowas auch ganz schnell und unerwartet. Ankommen kann man nicht lernen, aber trotzdem besser darin werden. Ankommen ist immer auch ein bisschen Wollen und Tun.

Und Heimkommen? Das ist etwas, das ich seit ein paar Jahren übe, es praktiziere, noch immer und weiter fort, weil ich es will, weil dieser eine Wunsch nach Ruhe und Geborgenheit in mir drin so tief verwurzelt ist, dass ich gar nicht anders kann, als ihm nachzugehen.
Angekommen bin ich in einem neuen Zuhause, mit neuen Geo-Koordinaten und viel mehr Grün und Ruhe um mich herum. Heimkommen kann ich nur in mir drin. Ich weiß jetzt, dass dieses Heim von keinen 4 Wänden begrenzt werden will, dass es in mir drin lebt und bebt, es pulsiert und ist noch nicht immer zu 100% stabil, aber Heimkommen und Ankommen sind mittlerweile Prozesse für mich, denen ich mich gerne hingebe.

Es war in der letzten Woche, als ich mich mitternachts, einem undefinierten Impuls folgend, in die Wiese des Gartens legte und den Mund nicht mehr zu bekam im Angesicht des unendlichen Sternenhimmels über und der noch immer warmen Erde unter mir. Diese Stille und die ihr innewohnende Schönheit. Das Gefühl des Getragenwerdens. Von äußeren Gegebenheiten, einem kräftig schlagenden Herz und von und meinem sich regenerierenden Geleichgewichtsorgan.

Wie sehr ich versinken und weit weg sein kann von allem, wenn ich etwas Neues baue. Zusammenschraube. Abstaube und umstelle. So sehr, dass irgendwann ein wehender Zeigefinger auftaucht der meint, 5 Stunden für einen Schrank wären etwas viel des Guten.
Aber wer sagt schon, was wofür viel ist und was nicht?
Ich bin das und ich darf mir ganz einfach selbst die Erlaubnis geben. So lange zu brauchen, wie ich eben brauche. Dem mahnenden Zeigefinger hab’ ich dann freundschaftlich die Hand geschüttelt. Dieser altbekannten Sauergurke.

Etwas aus ganz vielen Teilen zusammenzusetzen, mit einer anfänglichen Panik im Bauch angesichts der Fülle unbekannter, unterschiedlicher und scheinbar zusammenhangloser Elemente, es dann fertig zu sehen und einen stimmigen Platz dafür zu finden, auch das durfte ich neulich als Ausdruck meiner Selbst erfahren.

Und dann die wunderbare Entdeckung, dass B-Wörter etwas sehr Beruhigendes und Weiches haben. Die Kombination aus Bier, Badewanne und Bett, gekoppelt an ein österreichisches Bussi waren es, die mich lächeln ließen und dann hab’ ich mir auch noch überlegt, warum es nicht “Bokolade” heißt, weil sich das in diesem B-Kreis der rund klingenden Wörter auch noch stimmig einfügen ließe und weil genau dieses Wort den krönenden Abschluss des Abends beschrieb.
Ja, Schokolade mit Keks im Bett. Völlig frei von schräg-seitlich abgefeuerten, kritischen Kommentaren.
Was für ein Glück diese kleinen Dinge doch sein können.

Erdung

Abends die Wärme des Tages durch die Venen pumpen wie Restglück. Und überhaupt – nicht wissen, ob das alles ganz großes Glück oder sich beruhigende Verzweiflung ist und immer schon den Verdacht haben, dass sich beides in der Intensität ähnelt.
Hauptsache spüren. Sich jeden Tag für die Lebendigkeit, für schlecht sitzende aber änderbare Kleider, für verquollene und dennoch strahlende Augen am Morgen, und für zwickende Schuhe, die dann auch mal ausgemustert werden, entscheiden. Menschen treffen, die das wahrnehmen und trotzdem oder gerade deswegen bleiben.
Abends im kühlen Gras des neu bepflanzten Gartens liegen.
Der Brustkorb hebt und senkt sich with many, many beats per minute.
Du atmest aus, ich atme ein.

Mit dem Herzen dem Kopf die Stirn bieten und den Verstand auch mal verlegen, ihn kurzzeitig wegsperren. In einen schallgeschützten Keller, weil er sonst immer am lautesten schreit und damit auch am öftesten gehört wird. Warum wird uns eigentlich immer eingeredet, dass man den Verstand nie verlieren soll?
Es tut wirklich nicht weh und ist obendrauf richtig heilsam.
Erwartungshaltungsschäden im sehr knapp bemessenen Nervenkostüm erkennen und dann ganz tief durchatmen.
Lächelnd wissen, dass schon wieder ein neues Kapitel beginnt.
Freude spüren.
Strahlen – übers ganze Herz!
Freude versprühen.
Immer und immer wieder.

Pyramidenbau

Blaueisgletscher, Hochkalter, Foto: Alexa Schober 2017

Neulich im Auto, am Weg zum Berg. Der Radiosender des Vertrauens lief. Eine weibliche Stimme sprach vom Bedürfnis nach schnellem Internet und dass eben dieses heutzutage bereits zu den Grundbedürfnissen des Menschen zähle und wie wichtig es sei, der Erfüllung dieses Bedürfnisses nachzukommen. In Ausbau und Bereitstellung der Netze und Kabel und Bildschirme und überhaupt.. (der Einsen und Nullen, fügte ich fußnotenmanierlich und freilich gedanklich hinzu..)
Ich musste laut auflachen. Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist demnach nicht nur kritisch hinterfragbar, sondern auch beliebig ausbaubar.
Die Medien da draußen erzählen mir also, ich könne ohne glasfaserkabelschnellem Internet kein, den Anforderungen unserer technisierten Welt entsprechendes, bedürfnisorientiertes Leben führen. Nahrung, körperliche und geistige Sicherheit, Soziale- sowie Individualbedürfnisse (und ich meine ECHTE soziale Bedürfnisse! Keine Likes, Kommentare oder virtuelle Freudeslisten, die befriedigen allerhöchstens irgendwas für die Dauer von geschätzten 10 Minuten!) und das Streben nach Selbstverwirklichung bekommen eine weitere Stufe aufgesetzt, ohne deren Erfüllung der Mensch ein Manko in seinem Leben erfährt?

Und wieder einmal frage ich mich: Wie viel Teilhabe am Leben anderer durch digitale Fenster, wie viel Informationen von den entferntesten Plätzen dieses Planeten benötige ich, um mich selbst verwirklichen und ein erfülltes Leben führen zu können? Braucht es das alles wirklich? Wie viel verpasse ich in meinem direkten Umfeld, wenn meine Nase und Aufmerksamkeit den Großteil der Zeit in HD- (und dennoch verpixelten) Bildschirmen mit Destination Anderswo stecken?
Alles muss immer noch schneller passieren, um möglichst immer mehr Informationen in noch kürzerer Zeit zu konsumieren. Zeit ist ja schließlich Geld im Kapitalismus und die Werbung von heute setzt alles daran, Wünsche und Bedürfnisse in den Köpfen der Menschen zu wecken, sie einzupflanzen, damit sie brav kaufen und konsumieren. Je schneller, desto besser.
„Haste was, dann biste was. Und wenn du noch besser sein willst als der Durchschnitt, dann brauchst du das hier auf jeden Fall auch noch..“
Es ist doch wirklich verrückt.
Gut, dass Denken noch immer kein ferngesteuerter Vorgang ist sein muss. Noch leben wir in einem Zeitalter, in dem wir Gedanken und mit ihnen auch Bedürfnisse selbstbestimmt lenken können. Es gibt Unternehmen, die arbeiten daran, ohne Zweifel. Aber noch kann ich entscheiden. Auch NEIN zu sagen und wegzulassen, was mir unnötig erscheint. Ohne dabei auch nur im Mindesten ein Mako zu verspüren.

Ich war noch nicht am Ziel meiner Autofahrt, da begann besagter Radiosender ein Interview mit einer Ernährungswissenschaftlerin zum Thema Gluten. Nein, nicht die GlUt(en) vom Feuer, sondern GlutEn. Das Klebereiweiß bzw. Proteine im Getreide.
Gluten, der neue (arme) Teufel der Lebensmittelindustrie. Totgehyped durch die Medien. Mittlerweile scheint im Idealfall alles und jeder glutenFREI zu sein, weil das angeblich gesund ist. Vermutlich auch, weil es zur Zeit chic erscheint, alle möglichen Dinge frei von etwas sein zu lassen. Im Gegensatz zu den Tonnen an Zusätzen, die früher Nahrungsmitteln und Kosmetika zugesetzt wurden.
Die Werbung macht’s vor, Promis ziehen nach und ernähren sich nur mehr glutenfrei und laktosefrei und zuckerfrei und hirnfrei und posten, sharen, liken dann von ihren Erlebnissen und wie toll ihre Körper und ihr Leben danach geworden ist.. Und wer macht’s dann nach? Der medienkonsumierende und intuitionsbefreite Mensch rennt durch die Regale, kauft nur noch das, was ihm gesagt wird, das, was frei ist, meist ohne auch nur ansatzweise zu wissen, WAS Gluten ES eigentlich IST und was nicht und warum es für einen gesunden Körper überhaupt nicht schädlich oder in irgend einer Weise bedenklich ist aber da ja alles gut und wahr ist, was da geschrieben steht oder gesendet wird, macht Mensch da halt mit. Wozu auch das Hirn verwenden, wenn man es schon hat. Dinge, die man nicht hat, scheinen meist interessanter und ertrebenswerter zu sein.
Aber ich schweife ab..

Glutenfreie Lebensmittel sind unentbehrlich für Menschen, die an der Autoimmunerkrankung Zöliakie leiden. Der prozentuale Anteil dieser Menschen ist sehr klein. Viele andere Unverträglichkeiten und Verstimmungen des Verdauungsapparates seien viel mehr auf (nicht natürliche) Backzusätze der heute automatisiert hergestellten Produkte zurückzuführen, nicht aber auf das natürliche Klebereiweiß im Getreide. Für einen gesunden Menschen könne es unter Umständen sogar ungesund oder schädlich sein, ganz auf Gluten zu verzichten.
Die befragte Ernährungswissenschaftlerin war recht provokativ in ihrem Darlegungen und appellierte an den Verstand und die Eigenverantwortung der Konsumenten.
Der Beitrag gefiel mir, sehr sogar.

Ja. Hauptsache wir haben alle ultraschnelles Internet, mindestens 3 Endgeräte und sind jederzeit und überall erreichbar. Damit uns dann Informationen in die Köpfe gepflanzt werden und wir das eigenständige Denken und Spüren (was der Körper wirklich braucht und was nicht) einstellen können.
Humanoid Robotic Nation, Phase 1. completed. Preparing for Phase 2. Bitte stellen Sie das Fühlen und Denken ein. (Wir erledigen das für Sie).

Ich bin davon überzeugt, dass es dem Großteil Konsumgüter-produzierender Unternehmen völlig wurscht ist, wie es den Konsumenten geht. Wie erfüllt und glücklich oder gesund sie leben. Solange Konsumenten etwas brauchen, sind sie von Wert. Das bringt Geld in die Kassen und am Jahresende fette Boni auf die Konten der Unternehmensführungen. WAS Konsumenten brauchen, das lässt sich ganz wunderbar mit den heute überall verfügbaren Mitteln der digitalen Kommunikation steuern und beeinflussen. Und wir Deppen [sorry] tun da auch noch freiwillig mit und bezahlen für diese Verbindungen. Monat für Monat. Wie gut, dass manche Menschen richtig viel Geld dafür ausgeben,  es sogar gerne tun, irgendwer muss ihn ja finanzieren, diesen Ausbau (am Raubbau des Hausverstands).
Brave New World.
Na bravo.

Kurze Zeit nach Ende des Radiobeitrags war ich an meinem Ziel angelangt und stieg auf einen meiner Lieblingsberge. An einem Montagmorgen, abseits von Stau, Hektik und Glasfaserkabel, dafür mit ganz viel Grün und Fels und Sonne und einem Bewegungsdrang innen drin, dessen Befriedigung für mich unumstößlich zu meiner Pyramide der Grundbedürfnisse gehört.

Hallo da draußen!
Macht auch mal langsamer!
Schaltet aus und ab!
Hört wieder richtig zu, euch selbst UND den Menschen, die unmittelbar vor euch stehen!
Spürt wieder rein, fragt eure Körper, den Hausverstand, auch mal den Bauch, der weiß ganz viel, wenn der Kopf Pause machen darf!
Und zwar in einer Geschwindigkeit, mit der kein Glasfaserkabel der Welt mithalten kann.
Glaubt nicht sofort alles, was ihr lest oder seht.
Das, was eure dauerblinkenden Flimmerkastln von sich geben.
Fragt nach, recherchiert!
Und geht wieder raus.
In die Natur.
Unplugged, dafür mit allen Sinnen auf ON.

Schon mal probiert wie es ist zu sagen:
„Hallo Tag, schön bist du, voller Leben, Wunder und Wachstum und trotzdem oder gerade deswegen habe ich heute KEIN Foto für (von) dich (dir).
Ich nehm‘ dich auch so mit, tief in mir drin!“

Texturen

Texturen, Salzburg, Foto: Alexa Schober 2014

Manche Tage haben einen Knick. Keinen sichtbaren Riss, nur eine äußerst widerspenstige Delle. Als habe man sich unvorsichtig an ein paar Gedanken gelehnt, das muss noch nichtmal von Dauer gewesen sein. So ungreifbar, wie die Dinger meistens sind.

Manchmal wünsche ich mir ein Nachschlagewerk für Oberflächen, einen Thesaurus für Texturen. Irgendwie bin ich dauernd damit beschäftigt, Dinge einzuordnen, ihnen Bedeutungen zu geben, sie in Zusammenhänge zu setzen und dann doch wieder alles umzustellen. Aufzuwühlen. Abzustellen. Umzuwühlen.
Um zu fühlen.

Ein Lexikon. Für den Fall, dass ich noch nicht verstanden habe, wie sich etwas anfühlen soll darf. Wäre es nicht erleichternd über Konsistenzen nachzulesen um sich damit selbst beruhigen zu können: „Ach ja, ok, das hier ist nur Zweifel, das muss darf sich so anfühlen, alles okay, keine Sorge..“?

In der Kälte eines winterlichen Frühlings fühlt sich Haut an, als gehöre sie nicht dazu und manchmal ist selbst das ziemlich beruhigend. Zu wissen, dass die Oberfläche splittern kann, ohne dass man dabei ganz kaputt geht.
Es hat doch alles, wirklich alles ein bestimmtes Muster oder einen Rhythmus, die sich beim genaueren Betrachten dann doch wieder unterscheiden und zwar genau dann, wenn du und ich, er und du, sie und wir es gleichzeitig ansehen. Die Gefühlswahrnehmung für die strukturelle Beschaffenheit von zusammenhängenden Oberflächen kann niemals übereinstimmen mit der eines anderen, noch nichtmal die Sehwahrnehmung ist dieselbe und ich frag mich, warum wir mit einer unumstößlichen Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass andere Menschen unsere Gefühlswahrnehmung verstünden oder gar selbst derart erlebten.
Selbst wenn wir vor ein und derselben Beschaffenheit stehen, sie mit demselben Druck ertasten und sie für exakt dieselbe Zeitspanne betrachten, du und ich, wir haben einfach nicht die gleichen Muster gesehen. Weder davor, noch jetzt, in diesem Moment. Was es braucht, sind Mittel um sich zu verständigen, um sich und es verstehbar zu machen und das auch nicht, um einen Anspruch auf Wahrheit zu stellen, sondern um eine Sicht von vielen auszudrücken.
Wie heilsam entgegengebrachtes Verständnis doch sein kann.

Also steh‘ ich davor und denke laut: „Ok, das hier ist Zweifel, das muss darf sich so anfühlen, alles okay, keine Sorge“ und wie beruhigend es ist zu wissen, dass du zwar nicht dasselbe empfindest und trotzdem (oder gerade deswegen) ein Stück weit spürst was sich da tut, in mir drin, es verstehst und bewegst, indem du mir sagst: „Es muss nicht, aber kann. Wenn du das magst. Geh nur und mach, egal wie lange es dauert und wenn du zurück kommst, bin ich da. Ich bin dann immer noch da. Für dich.“

Barfuß

Feigenblatt, Salzburg, Foto: Alexa Schober

Weisst du noch, wie wir im Sommer Regenwürmer ausgegraben haben, damit Papi beim Fischen am See gut ausgerüstet war? Kannst du dich an diesen unverwechselbaren Geruch der nassen Erde erinnern? Und an die kleinen Frösche, die wir vom See in den Garten trugen, ihnen Teiche gruben und klitzekleine Leinen anlegten, weil sie sonst davon hüpfen könnten. Du hast mir immer sehr genau zugesehen. Bei allem. Und es dann genauso gemacht, ich kann mich heute daran erinnern, als wäre es gestern gewesen.
Entschuldige bitte, wenn nicht alles pädagogisch wertvoll war, das ich dir beigebracht habe. Flausen gehörten halt auch irgendwie dazu.

Kannst du dich noch an das Geräusch erinnern, an dieses Krachen, als unser Kater dem Weißfisch, den Papi mitbrachte, zuallererst in den Kopf biss? Sein Gesichtsausdruck dabei, unbezahlbar. Er konnte immer genießen, egal ob oben am Nussbaum, der durch das Plexi-Dach der Veranda wachsen durfte, dort, wo er alles im Überblick hatte, oder unterm Tisch beim Fressen.
Sein Fell, wie das von Pipis Pferd.

Pferde! Die waren so eine weitere Leidenschaft von uns. Wie viel Zeit haben wir damit verbracht, imaginäre Zäune im Garten zu denken und uns gegenseitig an die Longe zu nehmen, um beim Pferd-Spielen endlose Kreise zu laufen? Wie viele Kilometer waren es?
Weißt du noch, wie ich dir manchmal den Kopf gestreichelt habe, bis du endlich eingeschlafen bist? Geträumt haben wir von dem Pony im Garten und Ausritten zum See und es war so real, dass wir am nächsten Morgen Muskelkater in den Oberschenkeln hatten. Bis zu dem Tag, an dem wir dann auf echten Pferden sitzen durften, eine ganze Woche lang. Ohne Eltern. Was für ein Abenteuer.

Die Sommer dauerten ewig damals, sie waren so bunt, so gefüllt mit Phantasie und Sonne und See und schmutzigen, bloßen Füßen, Bikinis ohne Oberteil, Ohrringen aus Kirschen, Hänegmattenmittagsschläfchen (hast du auch versucht die Blätter zu zählen?) und kalten Duschen im Regen unter freiem Himmel. Jeder Tag wie ein Jahr. Das verlernen wir irgendwie mit dem Alter. Da ist dann immer zu wenig Zeit hier, zu wenig Zeit da. Alles muss schnell gehen und keiner hat mehr Zeit. Trotzdem machen alle irgendwas. Immer. Wo geht sie denn hin, die Zeit?

Ostern. Weißt du noch, als wir unser erstes Flimmerkastl im Taschenbuch-Format bekamen? Papi versteckte zwei der ersten Gameboys, die es damals gab. Für uns. Mit einem selbst geschriebenen Gedicht schickte er uns auf die Schnitzeljagd. Es war der Eintritt in dieses digitale Dauerdings, in dem wir jetzt leben, aber es war so wunderbar analog, wie es dazu kam. Es war ein Abenteuer, bestehend aus selbst geschriebenen Worten und einem Vater, der sich wirklich etwas antat, um seinen Töchtern eine Freude zu bereiten. Der uns Kinder immer in die Natur begleitete, um mehr zu sehen!
Wir durften wirklich noch Kinder sein.

Dass du vom Fußballspielen mit ihm immer offene Knie hattest und regelmäßig mit Straßenschutt-gefüllten Hosentaschen nach Hause kamst, trug dir den liebevoll gemeinten Titel des Sandlerkönigs Eberhart ein. Papi, der große EAV-Fan.
Und dass ich Barbie-Puppen bis heute gruselig finde, sie lieber bunt anmalte und ihre Haare abschnitt, als ihnen Klamotten an- und auszuziehen, das schieb‘ ich auch gern ihm zu. Er, der uns so sein ließ, wie wir waren. Ein bisschen wild, ein bisschen ungezähmt, aber auch sehr feinfühlig und phantasievoll. Wir waren so unterschiedlich und uns gleichzeitig so ähnlich, eben weil wir uns hatten.

Was bin ich dankbar für diese Zeit, weil ich sie erleben durfte, spüren durfte, mit all meinen Sinnen. Und was bin ich dankbar für dich, dass es dich gab und auch heute gibt in meinem Leben. Ich denke, unser Papi mag, was aus uns wurde. Wie wir sind. Mit all unseren heutigen Unterschieden.
Nein, ich weiß, dass er es mag.
Weil auch er immer irgendwie da ist.

Kalibration

Menschen, die in der Bewegung von einem Ort zum anderen ihre ganze Aufmerksamkeit ins Handy stecken. Zuhauf. Kopf, Nase, Augen und Ohren, sie allesamt stecken da drin. Und die Haut auch, die klebt außen drauf, weil sie noch nicht vor einem herschweben können, die Taschenmonster-Dinger. Zumindest jetzt noch nicht. Wie gut, dass wir Hände haben. Vielleicht werden auch die eines Tages überflüssig.

Neuerdings werden Sprachnachrichten auf WhatsApp verschickt. Ich bekomme immer mehr davon. Und das nicht, weil ich verhindert wäre um mir das Flimmerkastl ans Ohr zu drücken. Vermutlich ist es irgendwie praktisch für den Absender. Das lästige Tippen und die müßige Auseinandersetzung mit der Orthografie fallen weg, außerdem wird man dabei nicht einfach unterbrochen und der Empfänger kann/darf/muss sich im achtsamen Zuhören üben. Dass man mittels WhatsApp auch Tarif-unabhängig telefonieren kann, wird sich dann wohl zu einem schmucken Zusatz-Feature zurück entwickeln.
Und ich denk‘ mir, was soll’s. Schreibe dennoch oder gerade deswegen zurück. Wo ich doch auch anrufen könnte, aber ich mag halt unsere Orthografie, wenngleich mir das Tippen auf den Flimmerkastln schon lange auf den Keks geht und angesichts dieses Aspekts wiederum meine Touchscreen-Rechtschreibung ebenfalls mit hängendem Kopf schlurfend vor sich her trottet. Irgendwie tut man da halt doch mit, in diesem digitalen Massenkommunikations-Irrsinn.

Es gibt auch die Menschen, die in der Bewegung von einem Ort zum anderen sofort die Kopfhörer aussetzen und dann den Buchstaben folgen, die sie vor sich her tragen. Häufig denke ich mir, dass mir das schwer fallen würde. Als würde ich die Veränderung vor meiner Nase negieren, das Fremde wegblenden, indem ich Vertrautes einfach drüber lege. Wie eine Decke.
Gerade weil ich keine Ahnung habe von dem Neuen um mich herum und weil Ortsveränderungen das nun mal mit sich bringen, möchte ich nicht so tun, als wüsste ich, wo es in welchem Takt lang geht. Die Simulation von Vertrautem in der Veränderung.
Schon beim Schreiben könnte man darüber stolpern.

Mein Körper braucht ein Weilchen um sich einzustellen auf einen neuen Pegel, sich zu kalibrieren auf noch unvertraute Stimmfarben, andere Luft, verändertes Grundrauschen. Sobald ich woanders hin gehe, sperrt mein Körper alle Poren auf, lässt das Neue hinein und richtet sich dann aus.
Dieser Vorgang kann kann schon mal etwas dauern. Vergleichbar mit dem sich oft endlos ladenden Kreis am Bildschirm. Und wenn wir alle schon so geübt sind im Warten auf den Ladevorgang neuer Seiten und Programme, denk ich mir: Diese Geduld dürfen wir auch unseren Mitmenschen im „Real Life“ zuteil werden lassen.
Es gibt nämlich Menschen, die das brauchen. Noch immer. Und daran ist überhaupt nichts verkehrt, es ist sogar eine großartige Eigenschaft und diese Menschen werden auch wieder mehr, wie ich finde. Zumindest nehme ich ihrer immer mehr wahr.

Mensch lädt.
Bitte brechen Sie den Vorgang nicht ab.

Tau am Puls

Foto und Bild: Alexa Schober, Salzburg

Veränderung.
Nach Hause kommen und wissen, wo es hakt, was am falschen Platz steht, das hat ja meist mit Umständen zu tun, denen man sich zuvor nur in Runden gewagt hat zu nähern oder von denen man immer wieder unsanft angestoßen wurde. Vor allem hat es ganz viel mit den Jahren zu tun, die schon gelebt und erlebt wurden. Mit Vergleichen und Rückschlüssen.
Und dann kommt der Tag, an dem du in kürzester Distanz und auf Augenhöhe davor stehst, vor dieser Veränderung.

Es könnte einer dieser Tage sein, an denen du zwischen zig Menschen auf einer Brücke stehst und dabei als einziger wirklich stehst, weil alles andere rundherum schwirrt und rennt und nach unten sieht. So ein Tag, an dem die Stimmen, Stimmungen und das Schlagen der Herzen von allen Seiten kommen und sich zu einem lauten Brei vermischen, der sich aus jeder Pore deines Körpers wieder rausdrücken möchte, ein Tag an dem dir jeder ansieht, dass etwas verrutscht ist und es dir dennoch endlich [!!] egal ist, was jemand wie an dir sieht.
Weil du stehst, direkt davor.
Wenn da keine Lust mehr ist auf Annäherungen in Runden, dann passiert plötzlich alles Neue auf einer direkten Geraden. Auf Augenhöhe. Dazu gehört auch der Mut, die Augen aufzumachen und hinzusehen.

Vielleicht konzentrierst du dich auf jeden Millimeter Epidermis der stand hält, hältst dich und all die kleinen Risse zusammen, spannst sie an, lässt sie los. Temperatur ist eine intensive Größe, die gehalten werden will. Die Hand an der Schläfe ist nur eine Zustandsbeschreibung, keine Charakterisierung. Auch das darf man sich merken. Es wird wärmer innen drin, ruhiger, ein bisschen wie Tau am Puls, den du dir schon so lange gewünscht hast.

„Und plötzlich beginnst du hektisch Dinge zu verschieben, umzuplatzieren, abzustauben, sie auf den Kopf zu stellen, probierst dich zwischenzeitlich im Handstand, nur, um die Perspektive zu wechseln, wirfst weg, was unnötig erscheint, verschenkst, was sinnvoll erscheint, verkaufst, verlegst, vergräbst, verbiegst (es, dich, sie und all die anderen) um schließlich damit zu enden, dass dir das Herz zum Hals heraus schlägt, die Tränen das Kinn herab fließen und die Füße den Bodenkontakt verlieren.“

Bodenkontakt beginnt im Kopf. Vor allem dann, wenn man dem Herz auch mal Gehör schenkt, es wahrnimmt, ihm dann die Hand reicht und handelt.
Für Bodenkontakt benötige ich auch immer wieder blanke Füße auf Erde und Stein. Offene Fenster beim Schlafen und die Gewissheit der Berggipfel meiner Heimat in greifbarer Nähe.
Geborgenheit.
GeBERGtheit.
Bodenkontakt beginnt manchmal auch mit einer Unterschrift. Und die habe ich heute gegeben, in vollster Vorfreude und auf Augenhöhe mit meinem Herzen.