Erdung

Abends die Wärme des Tages durch die Venen pumpen wie Restglück. Nicht wissen, ob das alles ganz großes Glück oder sich beruhigende Sehnsucht ist und immer schon den Verdacht haben, dass sich beides in der Intensität ähnelt.
Hauptsache spüren. Sich jeden Tag für die Lebendigkeit, manchmal für schlecht sitzende aber austauschbare Kleider, für teils verquollene und dennoch strahlende Augen am Morgen, und für zwickende Schuhe, die dann auch einfach mal abgelegt werden, entscheiden. Menschen treffen, die all das und noch viel mehr wahrnehmen und trotzdem oder gerade deswegen bleiben.
Abends im frisch geschnittenen Gras des kühlen Gartens liegen.
Der Brustkorb hebt und senkt sich with many, many beats per minute.
Du atmest aus, ich atme ein.
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Mit dem zum Bauch pumpenden Herzen dem Kopf die Stirn bieten und den Verstand auch mal verlegen, ihn kurzzeitig und liebevoll wegsperren. In einen schallgeschützten Keller, weil er sonst immer am lautesten schreit und damit auch am öftesten gehört wird. Warum wird uns eigentlich immer eingeredet, dass man den Verstand nicht verlieren soll?
Es tut wirklich nicht weh und ist obendrauf richtig heilsam.
Erwartungshaltungsschäden im sehr knapp bemessenen Nervenkostüm erkennen und dann ganz tief durchatmen.
Lächelnd wissen, dass schon wieder ein neues Kapitel beginnt.
Freude spüren.
Strahlen – übers ganze Herz!
Freude versprühen.
Immer und immer wieder.
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Begradigung

In sich aufräumen, indem man erst ganz viel reinholt, eher ungewollt, vielleicht sogar etwas unachtsam und dann wieder leer fegen, raus schmeißen, in den Keller tragen und auf Nachfrage verschenken. Gefühle und Entscheidungen selbst in die Hand nehmen, sie sich vor die Nase halten und bei Bedarf anbrüllen, sowieso auch mal brüllen um die angehaltene Luft wieder rauszulassen, wie erleichternd, dass das noch geht.
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Jedenfalls Dinge in die Hand nehmen oder was auch immer ein Ding sein will, den Blick in die Augen halten und aushalten, nicht wegschauen und so tun, als läge es an den offenen, sich verheddernden Schnürsenkeln da unten.
Hinspüren, wo die Grenzen wirklich sind und nicht, wo man sie gerne hätte, weil das vielleicht hübscher aussieht oder sich so gehört oder weil es einem irgendwann so vorgelebt wurde. Wieder ein Gefühl für das Wesentliche entwickeln, für den Moment, ohne Filter eines Davor oder Damals.
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Und sowieso: Mehr Zeit geben. Sich selbst, den anderen, und allem, das Anspruch an sie stellt und unbedingt, ja unbedingt, mehr ruhen und schlafen und sich sammeln, indem man die Reize von Außen auch mal auf ein Minimum herunterfährt. Die Stimme in sich so lange aushalten und ihr zuhören, bis sie langsamer wird und von selbst innehält, um auch mal Luft zu holen.
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Entscheidungen treffen und nicht darauf warten, dass andere es tun. Wagen, es auszusprechen, wagen, in Frage zu stellen. Den Mund aufmachen und sagen, was sich da drinnen tut, was es auslöst und was es eigentlich bräuchte, das hat ganz viel mit Mut zu tun und ich weiß noch immer nicht, warum das so ist, warum wir Mut aufbringen müssen um das, was uns bewegt und sich regt, um das, was da lebt, auch jederzeit mitzuteilen.
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Sich selbst bewegen und nicht einfach nur passieren!
Ebenfalls: Ahnungen weniger Gewicht zuschreiben und den Fokus auf schlichte Fakten legen. Etwas stimmbrüchig zu Beginn, aber mit etwas Übung wird man besser darin, die Nackenmuskulatur taut auf und der Rücken begradigt sich ohne mechanische Wirkung von Außen.
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Weniger meinen, mehr wissen. Und mehr weggehen bei Bedarf oder sich in Ruhe hinsetzen und zuhören. Gefasel ist einfach kein gutes Wort, das darf auch einfach mal durchziehen, ohne Kerben zu ziehen.
Lernen, nicht immer als Resonanzboden zur Verfügung zu stehen und einen Schalter dafür einbauen. Es nicht nur als mögliches Bedürfnis verstehen, das irgendwann als wimmernder Konjunktiv im Eck landet, sondern als Motiv zum Handeln, sich selbst zuliebe und damit auch für all jene, die man liebt. Die Motivation für all das in sich selbst aufbauen, selbst dann, wenn man zuweilen noch in Krümmungen denkt. Linien erkennen und sie behutsam nachziehen, immer wieder.
Sie halten, eines Tages tun sie das.
Versprochen.
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Arrhythmie


So wie einem das Bein einschläft, weißt du, manchmal wenn man unangenehm sitzt, so könnte einem doch auch mal das Herz einschlafen. Vielleicht passiert das ständig und wir merken es nur nicht mehr, jedenfalls nicht so richtig, weil wir so viel damit beschäftigt sind Dinge zu planen, vielleicht ist das gar kein Kribbeln im Bauch, jedenfalls nicht so eins, wie wir immer glauben, wenn wir uns verlieben.
Das kann doch sein, dass das ein eingepenntes Herz ist, es kann doch auch mal müde werden zwischendurch, so undenkbar ist das gar nicht, mit all Ausdauer, die es für uns aufbringt.
Damit wir den Kopf in den Sand stecken und auch wieder befreien können, um Berge hochzusteigen bis knapp zum Kräfte- und Endorphinkollaps oder damit wir an manchen Tagen einfach nur geradeaus laufen können und währenddessen das Gleichgewicht behalten, damit wir all die Knöpfe drücken können, die zuweilen zu drücken sind und um sich trotz allem einen guten Tag und auch Auf Wiedersehen zu wünschen.
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Meistens ist es genau das, was es immer wieder zurückkehren lässt zur Höchstform, so ein Wiedersehen und Wiederspüren, eine vertraute Umarmung nach sehr langer Zeit. Dieser bekannte Druck von außen auf der Haut, der macht, dass das große Ganze wieder Kontur bekommt und pulsiert..
Wusstest du, dass ein vertrauter Geruch, an den mal ganz viel Emotion gekoppelt war, direkt in dein limbisches System schießen kann?
Das knallt dann wie an Silvester da oben!
Von wegen, Gefühle hätten nichts mit dem Kopf zu tun..
Da oben sitzt ein riesiges, legales Drogenlabor und wenn wir uns nicht ganz doof anstellen, dieses Labor in Einklang mit den benachbarten Verknüpfungen bringen, können wir uns damit von so manchen Viren befreien, die uns zuweilen befallen und ganz nebenbei selbständig Glücksgefühle produzieren, die es in sich haben.
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Vielleicht schläft es hin und wieder ein, unser Herz.
Weil es so im Eimer ist von all dem unnötigen Kram und wir denken, yippieh yeah, wir sind verliebt, und es fühlt sich nicht etwa so an, weil wir uns verschluckt haben, sondern weil das Herz froh ist, ganz kurz mal abgeben zu können, ganz kurz mal die Klappe halten zu dürfen, weil da jemand ist, von dem wir glauben, dass wir uns sicher fühlen können, dass das Herz geborgen wird, wo es sonst zu tun hat.
Und wenn es dann einschläft, nur kurz, und dann gleich wieder aufwacht und sich erschreckt (das soll unter den besten Herzen schon vorgekommen sein), dann kribbelt’s eben im Bein statt im Bauch, was ein wunderbarerer Impuls zu einer vorwärts gerichteten Bewegung sein kann. Türen schließen, die nirgendwohin führen um gleichzeitig zu staunen über all die anderen Türen, die sich plötzlich auftun.
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Das ist ja wie Abklemmen, also wenn das Herz für einen Moment nicht weiter pumpt. Glaubst du nicht? Das kann sein, glaube ich, dass das nichts mit Schmetterlingen und so zu tun hat, nichts mit Fremdkörpern sondern nur mit der kurzen Pause vor dem ganzen Rest, mit Erleichterung und einem großen Durchatmen nach sehr langer Zeit, in der man viel zu oft die Luft angehalten hat.
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Wenden

Sonnwendfeier, Kärnten

Lass uns einfach wegfahren, dorthin, wo die Menschen ihren Urlaub gerade nicht verbringen weil sie es nicht dürfen, nicht wollen oder sich nicht trauen, ich mag gedankliche Blockaden nicht, also lass uns einfach selbst einen Ort finden an den wir fahren, wir können ihn das Tal der verschlafenen Murmeltiere nennen, gerne kann es auch ein Meer sein, von dem aus wir dann nach oben steigen aber vielleicht fällt dir etwas noch Bescheuerteres ein, ganz egal, Hauptsache wir können darüber, davor und währenddessen ganz oft und viel lachen.
Ich mag es, mit dir. Und den Flausen im Kopf.
Wir können dort hin fahren und einen Schritt auf den Fels wagen, einen nach dem anderen, schlussendlich beginnt es immer mit dem ersten Schritt, währenddessen können wir uns ein paar Schürfwunden am Schienbein zulegen, die wir erst am Ende des Tages bemerken, während wir das Wenden der Sonne mit Freunden am Feuer begrüßen.
Komm, lass uns all die Flausen einsammeln, die wir uns irgendwann mal aus dem Kopf geschlagen haben!
Lass uns einfach wenden..
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Ja, wir können einfach unsere Sachen packen, es dürfen auch gerne mehr als sieben sein, meistens ist es sowieso egal wie viel, am Ende hast du immer das Falsche dabei, irgendwo muss es ja anfangen, dass der Tag dann anders ist, dass wir uns neue Gedanken machen und nicht die, die wir schon hundertmal gedacht haben. Es beginnt im Kopf, in der Kommunikation miteinander, im Äußern von Wünschen und beim Schmieden von Plänen.
Gemeinsam.
Irgendwo müssen wir doch anfangen uns zu schütteln, als würde niemand hinsehen, warum also nicht dort, wo wir gerade stehen, das reicht allemal, das Handy lässt du hier und ich diese Uhr, die mir erzählt, ich wäre erst 20 und am Ende verlassen wir uns endlich mal wieder auf den Moment des Augenblicks in den Pupillen gegenüber, auf das Flattern der Wimpern und die Fähigkeit unserer Haut zu spüren.
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Weißt du, wir sollten viel öfter auf den Berg gehen, noch bevor sich der Tag eine Stimmung ausgesucht hat. Etwas müde und noch völlig nüchtern die ersten Schritte setzen, den gedankenbefreiten Automatismus der vertrauten Bewegung nutzen, bevor es richtig bergauf geht und der Körper ein bisschen mehr Fokus verlangt. Mit steigender Pulsfrequenz immer weiter hoch, Hand in Hand mit dem Wind an den sich auftürmenden Wänden vorbei, in kurzen Hosen, auch wenn es diesen Juni frühmorgens dafür meist noch zu kalt ist und irgendwann macht der Körper dann wieder alles von selbst, der Kopf bleibt nur im Hintergrund dabei, ein bisschen wie im Standbymodus, den Rest der Zeit schaut er sich Gedanken an, die einfach kommen, er überredet keinen einzigen zum Bleiben, er heftet ihnen keine Etiketten an, lässt sie sein und dann wieder ziehen, so wie der Weg immer weiter vorbei zieht. Und dann, voll in der Wahrnehmung voneinander, miteinander, füreinander, ganz oben stehen und gemeinsam, ohne darüber nachgedacht zu haben wissen, was für eine Stimmung wir beide bereit sind dem Tag zu geben.
Wie klingt das für dich, wie klingt das in dir drin?
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Und stell dir mal vor, wir gingen wirklich gemeinsam und mit all unseren Flausen im Kopf dorthin, wo am Morgen der Schorf am Schienbein noch brennt, während wir beide wissen, wie schnell auch das wieder vorbeizieht und irgendwann mal ein Moment in der Vergangenheit sein wird, an den wir gerne zurückdenken. Und später laufen wir nochmal anderswo hoch, nur um wirklich alles gesehen zu haben, wir könnten auch wieder spontan Erkundungen machen und einander kartographieren, so wie zu Beginn, am Ende beiße ich vielleicht eine kleine Straße in deinen Arm, nicht so, dass sie blau wird, nicht ganz so sehr, aber ich weiß, dass die verschlafenen Murmeltiere es sehen, wenn du im Gras liegst und eindöst. Die Arme so weit von dir gestreckt, dass wirklich alles einen Platz findet an dir und dort, wo ich an dir ruhe, dort wird auch immer ein Stück von mir sein.
Versprochen.
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Ad Acta

Mit den Jahren vergisst man manchmal, wo man eigentlich angefangen hat, was einen damals dazu bewogen hat diese eine Richtung zu wählen, welches Schäufelchen Schutt es war, das das Fundament unter sich begrub, weil man so überzeugt war davon, dass es richtig ist.
Das Gefühl, auf das man damals vertraut hat, legt sich zur Ruhe, es hat seinen Job gemacht und sich danach zusammengekringelt, manchmal geht es auch verschütt unter all den gedanklichen Brocken, die kontinuierlich darüber geschaufelt werden. Hat es sich in der Vergangenheit doch mal bemerkbar gemacht, fanden sich Decken, Planen und Kisten zum Einsortieren, später anschauen, später hinterfragen, später, später, in dem Moment zählt vor allem nur das, was man für morgen tut oder in einer Stunde, was noch erledigt oder unterstrichen, vorbereitet und noch einmal optimiert werden muss. Tranceartig das Mantra „Leben im Jetzt“ vor sich hermurmelnd, während dieses Jetzt bemerkenswert stoisch weiter voranzieht.
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Und irgendwann hast du so viele Kisten im Schutt stehen, dass du dir einredest, das sähe gemütlich aus, vielleicht könnte man sie noch bunt anmalen und nach Farben ordnen und dann hast du noch weniger Ahnung davon, was eigentlich wo drin ist und wie lange schon, Fingerabdrücke sind dann auch wurscht, alles hundertmal angefasst, hundertmal verlegt, das Gefühl wird kleiner mit der Zeit, weil es austrocknet wenn es nicht an die Luft darf, da zieht sich alles raus, was mal Leben hatte, was es mal gemacht hat, dass du es ernst genommen hast und drunter gestolpert bist, derart gestolpert, dass du dich sogar entschuldigt hast dafür um dann nachzuschauen, dass es keine Blessuren davon trug, zumindest keine ernsthaften.
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Mit den Jahren vergisst man, dass es mal zum Fundament gehörte wie der Spiegel und die Wanne und der Blumentopf oder das Schlüsselbrett und erst beim Drüberpolieren bemerkst du, dass dieser bescheuerte Rand nicht mehr weggeht, dass da was gewesen sein muss, was jetzt verdunstet ist, dass da mal was stand, was jetzt nicht mehr da steht, etwas von Bedeutung, vormals eine große Sache.
Es ist gut, wenn es dann diesen Panikmoment gibt, diese zügellose, einen völlig entwaffnende Hast, in der man an die Kisten stürzt, also wirklich an alle, die Deckel abreißt, zwischen allen Zetteln sucht, in jeder Folie nachsieht, hinter dem Regal und allen Staubschichten. Es ist richtig, wenn dann alles hochwirbelt und scheiße aussieht für einen Moment, übereinander geworfen, heruntergefallen, ohne Zuhause und derart viel ist, dass man denkt, das schafft man nicht, da bekommt man nie wieder einen Sinn rein, wenn man da mittendrin sitzt samt zitterndem Puls und klopfendem Bauch, ist es plötzlich wieder da, dann hat man’s zurück. Das
dreiundvierzigtausendeinhundertsechundsechzigste Gefühl war’s, limettenhellgrün, etwas holzig im Abgang, gar kein Problem.
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Cogito

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Denken.
Ein Verb.
Etwas, das man tut.
Ich denke, dass du denkst sie würden sich gedacht haben..
Was aber ist ES, wie reagieren wir, wenn wir gefragt werden, was genau das Denken ist?
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Meistens reifen wir als „Menschen zweiter Hand“ heran. Wir lesen Bücher und Zeitschriften, besuchen unterschiedlichste Lehrstätten, werden von Eltern oder anderen Autoritäten er- und groß gezogen und sammeln eine beachtliche Menge an Wissen an – vom Denken anderer Menschen abgeleitetes Wissen. Und dann zitieren wir dieses Wissen und vergleichen es mit dem, was rund um uns herum geschieht.
Das an sich ist nichts Neues. Neues generiert sich immer auf Grundlage von bereits Vorhandenem. Alles ist irgendwie schon da und wird entsprechend der Gedanken abgewandelt, neu geformt. Grundsätzlich jedoch wiederholen wir die meiste Zeit, vergleichen und wiederholen..
Wir leben und verhalten uns unserem Denken entsprechend. Wegen unseres Denkens haben wir diese Regierung, jene Wirtschaftsform, all die gesellschaftlichen Konditionierungen oder Lebensumstände. Sie sind Resultate unseres Denkens. Das Denken hat die Errungenschaften der heutigen Technologien erschaffen, wir haben sogenannte Experten aller Art.
Denken ist ein aus Erfahrung und Wissen geborener Prozess.
Gedanken erzeugen Worte.
Worte werden zu Taten.
Taten führen zu Gewohnheiten.
Gewohnheiten formen den Charakter, wird oft aus unbekannter Quelle zitiert.
Ich mag den Gedanken.
Denken beginnt mit Erfahrung, die zu Wissen wird, das in den Gehirnzellen als Erinnerung gespeichert wurde. Aus dieser Erinnerung folgen Denken und Handeln.
Erfahrung – Wissen – Gedächtnis – Denken – Handlung.
Es gleicht einem Kreislauf, der uns gewissermaßen zu fesseln scheint. Das Prinzip von Aktion und Reaktion. Wir bewegen uns scheinbar immer im Feld des bereits Bekannten. Der Inhalt unseres Bewusstseins ist ist all das, was das Denken hervorgebracht hat. Der Inhalt dieses Denkens ist es auch, der hinterfragt werden darf.
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Viele Menschen tragen seit ihrer Kindheit Verletzungen mit sich herum. Es wurden uns Wunden zugefügt und ich möchte auch gar nicht behaupten, dass dies immer vorsätzlich oder in böser Absicht geschah.
Verletzte Menschen neigen dazu, eine Mauer um sich herum zu bauen, manchmal nur ganz subtil, in der Hoffnung, keine weiteren Verletzungen zu erleiden. Handlungen, deren zugrunde gelegte Absicht das Vermeiden von Schmerz ist, wirken unverhältnismäßig, manchmal neurotisch.
Verletzungen gehören zum Inhalt unseres Bewusstseins, in welcher Art auch immer. Was aber ist ES, das da verletzt ist, wenn es nicht sofort am Körper sichtbar ist? Was ist die Seele, der man das Etikett „verletzt“ anheftet?
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Wir alle haben eine Vorstellung von uns selbst. Wer wir wie sind, welche Rolle wir verkörpern, unser Denken hat diese Bilder erschaffen. Was nun, wenn dieses Bild, das ich von mir selbst trage gestört oder verletzt wird? Wenn Umstände im Außen versuchen ein anderes Bild zu zeichnen als das von mir angefertigte?
Ist es möglich, gar kein Bild von sich zu haben?
Wer wäre ICH ohne meine Geschichte, was bliebe übrig?
Who am I without my story..
Gedächtnisverlust zur Befreiung aus der Konditionierung?
Und wie sieht es aus mit der Zellerinnerung? Wie viel graviert sich in unseren Zellen ein, ohne dass wir uns jemals daran erinnern könnten?
Zumindest bin ich mir sicher, dass wir nicht einfach vom Erdboden verschluckt werden, sollte das Gedächtnis seinen Dienst quittieren.
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Wenn wir eine bestimmte Vorstellung von uns selbst haben, schaffen wir eine Trennung zwischen uns selbst und einem Anderen. In dieser vermeintlichen Trennung entsteht eine Beziehung zu einem Gegenüber. In der Wahrnehmung eines Anderen erheben wir das Bild, das wir von uns selbst gemacht haben, um erkenn- und verstehbar zu werden. Somit beruhen Beziehungen auf den gegenseitigen Vorstellungen voneinander, jenen Bildern, die wir von uns selbst aufrecht halten sowie jenen, die wir über den anderen konstruieren in Form von Wünschen, Beurteilungen, Interpretationen usw..
Beruht nun meine Beziehung großteils auf der Angst vor Verletzungen, dann benutze ich den anderen, um diesen zu entfliehen. Das hat für mich wenig mit Liebe zu tun..
Kann das Denken überhaupt etwas mit Liebe zu tun haben?
Sind Verlangen oder Wünsche Liebe?
Was also ist die Liebe wirklich, woraus entspringt sie?
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Instinktiv möchte man den Kopf schütteln, aber im Alltag stellen wir uns diese Frage äußerst selten.
Ist es überhaupt möglich, in seinen Beziehungen völlig konfliktfrei zu sein?
Wir „kämpfen“ von morgens bis abends.
Warum? Gehört das zu unserer Natur, zum Menschsein oder ist es ein Bestandteil der jeweiligen Tradition oder Religion?
Jeder hat eine Vorstellung von sich, die sich aus ganz vielen Einzelkomponenten zusammensetzt: Ambitionen, Wünsche, Sehnsüchte, das Verlangen, dies oder das zu sein, Ehrgeiz, Konkurrenzdenken usw..
Wenn meine Beziehungen Großteils aus Vorstellungen, Bildern und Erinnerungen bestehen, dann gibt es unausweichlich Konflikte. Weil somit der Inhalt meines Bewusstseins von den nicht ausgeheilten Verletzungen getragen wird, sie haben Narben hinterlassen, aus denen vielfältige Ängste entstehen, die dann wiederum zur Isolation führen. Oder zum Krieg, auf welcher Ebene auch immer. Und je nachdem, wofür man sich BEWUSST entscheidet, denn die Wahl meiner Gedanken habe ich IMMER selbst in der Hand. Ausnahmslos, davon bin ich überzeugt.
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Eine Möglichkeit, das aufzulösen besteht meiner Ansicht nach darin, diese Bilder zu erkennen, ihren Anteil zu sehen, sie zu verstehen und sie dann ganz bewusst einfach SEIN zu lassen. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Diese Gedanken auslösenden Bilder dürfen da sein, sie gehörten einmal zu uns und werden vermutlich immer irgendwie da sein, nenne man sie Ego oder wie auch immer man will, dennoch müssen sie sich nicht fortwährend unbewusst auf unser Tun auswirken. Sie müssen kein unkontrollierbarer Auslöser für Gefühle sein, wenn sie einfach sein dürfen, wie sie sind, wenn sie erkannt werden. Widerstandslose Bewusstheit ist in meinen Augen der Weg zur erfolgreichen Veränderung seiner selbst, womit sich dann auch Vieles im Außen verändert.
Zusätzlich kann es hilfreich sein, einen Menschen zur Seite zu haben, der dich wirklich wahrnimmt, hinschaut und sagt: „Ich sehe dein Bild und ich sehe auch dich. Nimm dieses Bild, halte daran fest, solange du magst, ich werde dennoch bleiben. Weil ich DICH sehe. Egal, was du mit diesem Bild von dir tust. Vielleicht kann ich dir nicht immer zustimmen, dennoch möchte ich dich verstehen. So kann ich dich sehen, ein Stück weit in mir drin..“
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Cogito ergo sum.
Meiner Meinung nach einer der meistzitierten, philosophischen Fehlgedanken.
Das SEIN an sich ist wunderbar unabhängig vom Denken, wenngleich sich das Denken sehr gern und hartnäckig in den Vordergrund drängt.
SEIN, ohne dem unablässigen Strom an Gedanken fortwährend Bedeutung zu schenken, ist für mich Widerstandslosigkeit gegenüber allem, das im jeweiligen Moment geschieht. Die Akzeptanz dessen, was IST. Und dennoch in der Fähigkeit bleiben zu handeln, wenn es angebracht und machbar erscheint. Denn unser Ego ist kein Feind. ES IST. Ob wir nun wollen, oder nicht. Grundsätzlich wünscht es sich nicht mehr, als von unerem Sein gesehen, verstanden und behutsam geleitet zu werden..
Handlungen sind notwendig zum Leben innerhalb sozialer Strukturen. Ihnen voraus geschieht das Denken, das sich oft in einem Nichteinverstandensein dessen präsentiert, was gerade IST. Und einzig daran lässt sich etwas ändern. Ich kann nicht einverstanden sein mit einer Situation, meinen inneren Widerstand dennoch aufgeben und sie nach Möglichkeit verändern, OHNE das Bild, das ich für stimmig halte, einem anderen Menschen einreden zu müssen.
Sollte das nicht machbar sein, besteht noch immer die Möglichkeit, mich selbst aus einer Situation heraus zu nehmen.
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Es ist weder gut noch schlecht, das Denken.
Es ist einfach da, wir werden es nie wegmeditieren oder uns sonst wie davon loslösen.
Ein bewussterer Umgang damit kann jedoch ungemein helfen, Leid oder Konflikte zu vermeiden.

Take A Bow

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Das Licht an einem Abend im April ist es, in dem ich mich verneige und zwar so lange, bis ich darin liege. Auf Englisch klängen diese Worte nach mehr, vermutlich pathetisch. Wie das Intro eines Songs. Oder wie der Klappentext eines Buches. Auf Deutsch aber klingt es ein bisschen wie eingequetscht zwischen Essigreiniger und Klopapier im Regal kurz vor deren Plünderung durch die hamsternde Masse.
Aber so ist es nun mal.
Ich kann mich reinlegen.
In Stimmen.
In Charisma.
Und neuerdings auch in Licht.
Die Kunst besteht darin, mich so lange darin und nicht nur davor zu verneigen, bis ich mich in dieser vorwärts- und nach unten geneigten Bewegung der ganzen Situation ergebe, mich ihr hingebe. Zum Liegen und damit auch mal zum schweigenden Stillstand komme. Manchmal ist diese Verbeugung nichts weiter als ein ausladendes Synonym für: „Hallo, dich kenne ich auch!“. Ein Synonym für ein Zwinkern, eine zarte Bewegung der Mundwinkel, die sich bis zu den Augen erstreckt. Vielleicht kann sie niemand sonst sehen, aber diese Bewegung, sie reicht dann weiter bis in die Beine, was die liegende Kapitulation ungemein erleichtert.
Verneigung im Licht eines Aprilabends ist die Verneigung vor dem Tag, was davon noch übrig ist, und vor dem, was vielleicht gewesen wäre, wenn sich die Umstände zu einer anderen Gabelung entschlossen hätten. Vor dem, was man schon geschafft hat, gesagt oder auch nicht gesagt hat, obwohl man hätte können, vor dem eigenen Zusammenriss und vor der Nonchalance eines bewusst gesetzten Atemzugs.
Es ist genau das Licht, das man braucht nach einem Winter der nur phasenweise vorgab einer zu sein, das Licht, das die Poren der Haut einzeln zum Auftauen bringt, in dem man sich Liebeserklärungen für all die Lieben im Leben ausdenkt, es ihnen auch sagt, es wirklich tut, und sei es zwischen Essigreiniger und Klopapier im Supermarkt. Oder neuerdings auf den flimmernden Bildschirmen im so viel zitierten Zuhause.
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Manche Umstände benötigen eine Portion verneigendes Schweigen, bevor sie gesagt und getan werden können. Manchmal stolpert man ohne viel Grazie in dieses Licht hinein, beladen mit zu vielen Dingen, die man auf Vorrat kauft und bemerkt all die Überwindungen und aufplatzenden Oberflächen, erkennt jedes Fitzelchen Grün und die Knospen überall am Weg. In diesen Momenten verneigt man sich vielleicht nur ein kleines bisschen, gerade so viel, dass es niemand sonst sehen kann. Und den Menschen, die vorüber gehen, rutscht das Licht für einen Moment ins Gesicht, zumindest in jenen Teil des Gesichts, der noch frei zugänglich ist hinter den Maskeraden eines aufoktroyierten Selbst- und Fremdschutzes, und für die Dauer der Lücke zwischen zwei Häusern kann man ahnen, was alles noch sein kann und was definitiv noch sein wird.
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Sekundengefühl

Schwertkämpfer am Fuschlsee, Salzburg. Foto: Alexa Schober.
„Dieses permanente Ausloten von Konstellationen!
Welches Patchwork funktioniert?
Wie rücken Menschen nebeneinander um zu verweilen oder um sich nicht sofort wieder aus den Augen zu lassen?
Wer traut sich überhaupt noch, genau hinzusehen? In die Augen?
Dürfen wir uns noch berühren und wenn ja, wie lange?
Wie viele geliebte Menschen kann man eigentlich haben?
Wie viele will man überhaupt?
Wer sonst gehört noch dazu?
Gibt es den einen markanten Punkt, ab dem neu anfangen keine Option mehr ist?
Wie adoptieren wir Freunde?
Braucht es das überhaupt?
Und wohin zum Geier mit der x-ten Wiederholung einer alten Staffel?“
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„Du denkst dich um Kopf und Kragen. Davon würden mir auch die Schultern schmerzen.“
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„Die Schultern.. Wenn es so leicht wäre! Die kann ich wenigstens im Kopfstand wieder lösen.. Ich will diesen Jemand, mit dem sechs Sekunden genügen. Um sicher zu sein, sicher zu fühlen, ich will endlich mein verdammtes Vertrauen zurück!“
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„Auch das steckt nur in dir drin, das kann dir niemand sonst geben.. Es ist immer nur eine Entscheidung, die du selbst triffst.“
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„Ach, lass mich ausjammern. Ich will eine Nähe, die ich so bisher nicht hatte. Keine Ewigkeit, denn wenn es sein kann, dass sie nur sechs Sekunden dauert, dann will ich eben nur diese sechs Sekunden.“
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„Warum genau sechs?“
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„Weil mir diese Zahl einfach besser gefällt als diese allgegenwärtigen Nullen und Einsen! Wasweißich? Aber weißt du, wenn dieser Jemand kommt, sich vor mich hinstellt und sagt, du bist diese Sekunden, diese sechs Sekunden Ewigkeit, und ich es auch wirklich spüre und glaube, dann ist das Drumherum, das Wieso und das Wo sowas von egal, weil man dann ineinander wohnt, man bleibt einfach und richtet sich ein, dazwischen stolpert man vielleicht über rumliegende Dinge, vergreift sich manchmal in abgetragenen Taschen in denen kleine, sabbernde Monster sitzen, aber am Anfang, da ist es wichtig, dass man sich dafür entschieden hat mit diesem Sekundengefühl. Und dann geht man nicht mehr weg, dann geht man nicht mehr wortlos aus dem anderen raus. Das ist dann die Wohnung, die man auch pflegt.”
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„Auch das gibt es so nicht, das weißt du. Es ist immer alles in Bewegung.“
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„Ja, danke. Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung. Ich weiß. Ganz wunderbar. Om Shanti. Und der Friede folgt auf das freudige Eierkuchenbacken. Dennoch möchte ich verdammt nochmal hin und wieder so denken dürfen, damit es dann raus ist aus mir.“
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„Warum so bissig.. Du weißt, was du willst. Weit deutlicher als das, was du nicht willst. Und damit bist du am allerbesten Weg.“
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Konservierungsfrei

Foto: Alexa Schober
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Wenn da jemand ist, in dessen Schuhen du rumlaufen kannst, obwohl du nie musst, es manchmal tust, nur weil es klappt, auch wenn sie vielleicht einen Tick zu breit sind.
Wenn da jemand ist, dessen Passform der deinen ähnelt, nicht gleicht, aus bestimmten Perspektiven sogar völlig unverhältnismäßig wirkt und sie dennoch im Grundtakt mithalten kann.
Wenn da jemand ist, in dessen Shirt du dich einrollst, wie in eine Decke, weil sich deine Haut gut mit dem Stoff versteht.
Wenn da jemand ist, dessen Stimme durch Mauern bricht und am Ende der Straße auf dich wartet, und jedes Wort, das mit ihr gesagt wird bereit ist, von dir eingesammelt und mitgenommen zu werden.
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Wenn da wirklich jemand ist, dessen Hand du schon aus der Ferne erkennst und dann, wenn du sie spürst, du jede Linie darauf nachziehen kannst, sie blind erkennst, und du dabei auch noch lächeln musst,
wenn das so ist,
dann..
Lass den Stift weg um vielleicht eine Karte davon zu zeichnen, die sind so statisch, so endgültig und irgendwann gibt es dazu vielleicht kein Update mehr, hänge das Shirt oft raus in die Sonne, locker die Fasern und lüfte es durch, ändere auch mal den Grundtakt, die Passform, weil das so ist im Leben, das passiert ganz einfach, nur sieh dich immer wieder um, halte inne und frag nach,
wenn da jemand ist, der dir am Herzen liegt.
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Wenn es da wirklich jemanden gibt, mit einem Sekundengefühl, das die Bedeutung von Zeit ad absurdum führt,
dann..
Heb die Worte an, heb sie achtsam auf und leg dich hinein, in diese Stimme.
Lass sie klingen, in dir wirken, ganz ohne Konservierungsstoffe, dein Herz versteht die Schwingung.
Und dann..
Lass sie jederzeit leiser werden, lass sie los und leise gehen, diese Stimme,
um auch all die anderen Worte zu hören, die sie dir noch sagen möchte und von denen du jetzt noch nichts weißt.
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Wen da so jemand ist,
nimm ihn wahr
und hör ihm zu,
halte inne
und sieh dich um.
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Hör einfach hin,
hör doppelt hin.
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