Blechschaden

Rotgueldensee, Salzburg, Lungau, Foto: Alexa Schober

„Entspannter ankommen“ – damit wirbt ein Autohersteller zur Zeit im österreichischen Radio.
Als ob man überhaupt von Entspannung reden kann, wenn es um die Fortbewegung mit dem Auto in und rund um Salzburg geht. Vermutlich ist das in ganz Europa ähnlich.
Höre ich nämlich die Radiosender der benachbarten Bayern, dauern dort die halbstündlichen Staudurchsagen gefühlte 10 Minuten, gefolgt von einer 15-minütigen Werbepause.
Wenn das nicht Entertainment pur ist..

Jeder in seiner eigenen Blechglocke, schön abgeschirmt, Hauptsache da drin ist es so gemütlich und komfortabel wie daheim. Wenn schon auf der Stelle treten, dann bitte mit Komfort.

Neben den stundenlangen Staumeldungen gibt es Werbung am laufenden Band, frei Haus Auto auf den Bildschirm des integriert- und selbstverständlich interaktiv agierenden Media-Systems, damit Mensch in der Glocke auch weiter brav mit Kaufanregungen gefüttert wird [ein bisschen größer und ein bisschen mehr geht doch immer!!]

Holt man sich halt das Wohnzimmer ins Auto, irgendwann sind die Dinger sowieso selbstfahrend und wenn der SUV-Trend in den Städten noch weiter expandiert, dann passen demnächst auch ganze Wohn- und Couchlandschaften in unsere Blechgefährten.
Wozu eigentlich noch ein fixes Dach über dem Kopf? Mit dem Wohnzimmer auf der Straße, da steht es sich auch ganz kuschelig in Reih und Glied, wichtig wäre auch noch ein anständiger Luftfilter, weil sich das mit den Elektro-Autos noch nicht ganz durchsetzen will. Oder kann. Der Strom aus der Dose fällt halt noch immer nicht exklusiv vom Himmel.

Ja und weil Autofahren umweltbelastend ist und der Staat dagegen Zeichen zu setzen hat, schraubt er jährlich an der KFZ-Steuer [wer käme schon auf die Idee, dass er damit einfach nur Geld machen will], die Spritpreise klettern proportional dazu und dennoch autonom in die Höhe und wir stauen dann mit unseren spritfressenden Wohnglocken entspannt in unsere Arbeitsstätten um das Geld zu verdienen, das wir brauchen, um überhaupt an diese Orte zu gelangen.
Was für eine bühnenreife Komödie mitten im Alltag, diese selbst kreierten Blechschäden. Wie auch dieses staatliche System und seine Akteure, die haben wir uns auch selbst ausgesucht, um das nicht zu vergessen.

Entspannter ankommen..
Ich weiß, wie ich wirklich entspannt an einem Ort ankomme. Mit diesem wunderbaren Luxus, einen gesunden Fortbewegungsapparat mein Eigen zu nennen.
Es ist das GEHEN.
Zu Fuß.
Ja, ich gehe.
Manchmal fahre ich auch.
Mit dem Rad.
Kein stundenlanges früher Wegfahren, um auch ja pünktlich anzukommen.
Keine Gedanken an Wetter- und Straßenverhältnisse oder Tonnen an Schnee, um das Blechdings frei zu bekommen.
Ja, ich habe das Glück, zu Fuß zur Arbeit gehen zu können und ich weiß exakt, wie lange ich dafür brauche.
Was für ein wunderbarer Luxus in Zeiten der endlosen Blechlawinen.

Jeder Tag hat seine Zeit und jeder Ort seinen Weg..
Wie viel mehr Zeit mir bleibt, um an schönen Orten rumzusitzen, rumzuwandern, rumzuhängen und zu träumen.
Oder auch mal gar nichts denken.
Das kann ja auch ganz viel.
So hin und wieder.
Wir vergessen das nur zu oft inmitten der medialen Dauerberieselung unseres Zeitalters.

[Eigenständiges, unbeeinflusstes Denken und Fühlen kann dem System schaden – bitte vergessen Sie auch das nicht!]

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