Büchsenmacher

Alexa Schober, Salzburg 2017

„Dein Gesicht ist ruhig. Ich kann mit dir reden, ohne ein Gefühl der Anstrengung. Oft gibt es Gesichter, die mich anschreien, auch wenn ihre Stimmbänder schweigen.. Sie sehen mich an und meistens sind es ihre Augen und die Bewegung der Muskeln, die mich zu etwas auffordern, die etwas wollen. Bei dir ist das nicht so. Dein Gesicht ist ruhig.“

Das waren neulich meine Worte zu einem Menschen, den ich noch nicht lange kannte. Sie purzelten sogar für mich etwas unerwartet heraus.
So etwas geschieht mir immer öfter. Dass ich Dinge direkt sage, die irgendwo in meiner Körpermitte entstehen und hinaus wollen. Noch bevor ich darüber nachdenken kann, ob das nun angebracht ist oder nicht. Und ich fühle mich ganz wohl damit. Auf jeden Fall entsprachen diese Worte meiner eigenen Wahrheit.

Der Alexa ins Gesicht Mikrofon schreien. Sie auffordern, etwas zu tun.. Es ist ja leider nicht mehr aufzuhalten. Ich hätte vor Jahren schon ein Namens-Patent anmelden sollen, falls sowas überhaupt möglich ist.
Eine neue Arbeitskollegin hat mich vor kurzem beim Vorstellen gefragt, ob ich die Alexa wäre, die den Kaffee macht, wenn sie laut genug danach verlangt. Mir lag bereits auf den Lippen, dass ich lautes Geschrei allgemein nicht so gut wegstecken kann, als es mir dann schoss.
Alexa.
Amazons Ich-Mach-Alles-Was-Du-Sagst-Wunderwuzzi in Blechbüchsenformat.
Ich trage diesen schönen, griechischen Namen nun bald 4 Jahrzehnte lang, diese vernetzte Amazone tut es gerade mal 2 Jährchen, wenn überhaupt.

Es ist schon zum Schmunzeln. Unwillkürlich frage ich mich, wie viele meiner Exen (ja, ich würde hier auch lieber im Singular schreiben – ist aber nicht..) sich liebend gerne so eine Amazon-Sprachassistentin zuhause hinstellen würden, dennoch zögern, weil es da eben noch diese Assoziation mit mir gibt? Wer von ihnen holt sich aufgrund der Namensgleichheit lieber Apples Siri oder favorisiert das etwas zäh klingende „Ok Google“? Was für Gefühle tauchen auf? Angenehm oder unangenehm? Mit einem Lächeln im Gesicht oder doch mit nach oben verdrehten Augen?

Ich kann’s nicht sagen, schade eigentlich. Man mochte sich doch mal ganz gern, dann irgendwann nicht mehr so und ich frage ich mich, warum eigentlich die nicht so schönen, gemeinsamen Erinnerungen viel länger nachhallen, als alles, was gemeinsam als freudig und harmonisch erlebt wurde. Zählt nicht das Gute viel mehr?
Es ist eine Frage der Einstellung. Der Prioritäten, vermutlich. Schön, dass ich die selber setzen darf und nichts so bleiben muss, wie angenommen wird, dass es zu sein hat.

Jaja, all diese Fragen. Vielleicht weiß Alexa im Blechbüchsenformat Antworten darauf.
Bei dem Gedanken muss ich laut auflachen. Vielleicht sollte ich mir auch so eine zusätzliche Alexa ins Haus holen. Zu den anderen Alter Egos, die hier zuhause schon rumlaufen. Etwaige Selbstgespräche bekämen eine äußerst unterhaltsame Zusatzkomponente. Man stelle sich vor, es käme tatsächlich eine Antwort auf eine meiner zahlreichen Warum-Fragen. Es wäre allerdings keine Antwort aus meiner Mitte, sondern straight aus dem www. Und schon weiß ich, dass ich das ganz sicher nicht will. Vermutlich kann Dosen-Alexa mit Warum-Fragen gar nicht umgehen. Befehle dürften ihr geläufiger sein.

Wettervorhersagen. Einkaufslisten schreiben. Jalousien hochfahren. Meine Lieblingsmusik abspielen. Das Licht einschalten. Lieblingsmenschen anrufen (die ich doch lieber live sehe als nur zu hören..). Sag es Alexa und sie macht es.
Also ich weiß nicht.. Braucht man das wirklich? Ich kann das eigentlich alles ganz gut selbst. Mit diesem Körper und dem Verstand, der mir gegeben wurde. Aber sie wollen uns das alles gerne abnehmen. Um uns besser kennen zu lernen. Und um uns dann noch exalter zu sagen, was wir alles noch kaufen sollen, damit wir glücklich werden in unseren Leben. Wobei sie das ja auch nicht WIRKLICH wollen, denn dann bräuchten wir womöglich nichts mehr, also beißt sich die Katze in den Schwanz. Bzw. assoziiere ich plötzlich das Wort „Waffe“ mit diesen, den Alltag erleichternden Assistenten aus dem Netz..

Alexa kann all das da oben genannte.
Ich, Alexa Schober, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ebenfalls. Und ich traue mich hier anzufügen, dass ich Dinge kann, die Dosen-Alexa in ihrer Assistenz sicher nicht kann.
Ich kann Gesichter lesen und die Emotionen, die sich in ihnen ganz oft verstecken. Ganz ohne Verwendung der Stimmbänder, ganz ohne dem Ohr vernehmbarem Geschrei. Ich weiß oft, wann Gesichter laut sind, während ihre Stimmen schweigen. Und manchmal weiß ich auch, WAS sie mir sagen wollen in ihrem Schweigen.
Ja, es strengt mich an, es kostet Energie, manchmal ist es viel zu viel – vor allem, weil ich den sofort auftauchenden Handlungsimpuls nicht immer unterdrücken kann – und zugleich ist es auch eine wunderbare Gabe, die ich schätze. Es kommt eben auf die Situation an.

Jetzt taucht noch ein lustiger Gedanke in mir auf: „Erzähl’s deinem Frisör“ wird vermutlich auch eine pointierte Zusatzkomponente erhalten. Dann nämlich, wenn sich Friseure künftig denken: „Erzähl den Schmarrn doch bitte deiner Alexa zuhause“.
Sprachassistenz also.
Der künftige Mega-Hype, der dennoch nicht ohne Strom und www auskommen wird. Wozu noch miteinander reden und sich gegenseitig um etwas bitten..

Ach, sollen sie zuhause auf ihre Alexas im Befehlston einbrüllen, soviel und solange sie möchten. Ich bevorzuge auch weiterhin die Stimme in mir und echte Gesichter direkt vor meiner Nase, mit deren Augen ich reden kann. Augen, die auch mal entspannt sind und mich anlächeln, ohne etwas zu wollen. Ein bisschen zum Reinlegen und Ausruhen. Ja, genau das finde ich schön und wertvoll.
Ich weiß, dass es das gibt und ich weiß auch, dass ich genau das jemand anderem geben kann.
Beat this, liebes Amazon-Blechbüchslein!
;)

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